Herzensprojekt-Challenge im August: Band 2 der Tagebücher meiner Großmutter

1. August 2026
Eine Herz-Grafik auf dem Wort Challenge

Wenn ich ehrlich bin, ist der Begriff Herzensprojekt-Challenge für mich etwas grenzwertig. Klingt kitschig, oder? Aber egal, das Thema berührt mich emotional, und zwar aus mehreren Gründen.

Zum einen, weil ich es so verrückt finde: Als meine Großeltern noch lebten und, so wie ich es wahrgenommen hatte, bereit waren, über ihr Leben zu erzählen, hatte ich kein Ohr dafür. Die ollen Geschichten, und überhaupt: Man konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass meine Großeltern mal jung und modern gewesen sein könnten. Aber das waren sie durchaus, wie ich inzwischen weiß.

So habe ich in meiner grenzenlosen Ignoranz mein Leben in Hier und Jetzt gelebt. Doch als ich älter wurde, erkannte ich meinen Irrtum. Da lebten sie leider nicht mehr.

Meine Großmutter hat jeden Abend über ihren Tagebüchern gesessen und geschrieben. Einen Fernseher gab es im Haushalt meiner Großeltern nicht. Wozu auch? Sie hätten ohnehin keine Zeit zum Fernsehen gehabt. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Wohnzimmerschrank, in dem sie ihre vielen Tagebücher aufbewahrte. Sie sagte mal, sie habe ihr Leben aufgeschrieben, für uns.

Damals hat mich allerdings nicht wirklich interessiert, was sie da schreibt.

Einige Jahre nach dem Tod meiner Großeltern übergab mir mein Vater mehrere prall gefüllte Leitz-Ordner. Er hatte für uns Kinder Kopien der Tagebücher angefertigt, die Originale sind sicher verwahrt. Das ist inzwischen mindestens 20 Jahre her.

Vor ungefähr 15 Jahren habe ich dann begonnen, die in altdeutscher Schrift von Hand verfassten Tagebücher zu lesen. Weil ich das sehr mühsam fand, habe ich alles, was ich entziffert hatte, gleich in eine Word-Datei geschrieben.

Die Inhalte dieses Blogartikels:

Warum dauert das so lange?

Ich kann die altdeutsche Handschrift nicht einfach so lesen, auch wenn sie wunderschön aussieht. Bei gedruckten Büchern geht das, wenn ich mich erst mal eingelesen habe. Aber Handschrift ist noch mal eine andere Nummer.

Weil die Tagebücher durch die Bindung am Mittelsteg nicht immer flach auf dem Kopierglas lagen, fehlen bei den Kopien manchmal auch die Ränder. Ein paar Buchstaben pro Seite sind einfach weg.

Die Originalseiten ließen sich vermutlich einfacher entziffern als die Kopien in den Leitz-Ordnern, aber ich habe die Originale erst mal dort gelassen, wo sie sind. Inzwischen habe ich ihren Wert erkannt und versuche, mit den Kopien zurechtzukommen.

Vor einer Weile habe ich eine Transkriptionssoftware ausprobiert. Das hilft ein bisschen, aber im Bereich der schwarzen Mittelsteg-Binung kann keine noch so gute Software helfen. Und das eigenständige Lesen kann sie ohnehin nicht ersetzen. Vor allem Eigennamen oder abgeschnittene Wörter muss ich mir nach wie vor selbst zusammenreimen.

Um mit dem Aufbereiten der Tagebücher voranzukommen, lege ich mir immer mal einen Fokusmonat ein. Den nenne ich dann Herzensprojekt-Challenge, denn inzwischen ist das wirklich zu meinem Herzensprojekt geworden. Hier ist mein Blogartikel zu meinem Fokusmonat vom letzten Jahr: Eine Herzensprojekt-Challenge: Mein Juni-Experiment mit den Tagebüchern meiner Großmutter

Herzensprojekt-Challenge im August 2026

Ziel: Band 2 der Tagebücher meiner Großmutter beginnen, ab dem Jahr 1932
Vorgehen: täglich rund 10 Seiten der handschriftlichen Tagebücher entziffern und abtippen, ein Jokertag pro Woche als Puffer
Für wen: alle mit einem liegengebliebenen Herzensprojekt, egal ob Familiengeschichte, Kreativprojekt oder etwas ganz anderes
Tipp vorab: Wie es mit Band 1 gelaufen ist, liest du im Juni-Artikel dieser Serie: Herzensprojekt-Challenge im Juni

Im August geht’s weiter, mit Band 2!

Warum ausgerechnet dieses Projekt, und warum jetzt?

Ich habe immer mal Phasen, in denen ich gut vorankomme, dann kommt auch mal wieder eine mehrjährige Pause. Allerdings … wenn ich in dem Tempo weitermache, werde ich wohl nie erfahren, was meine Großmutter zum Beispiel über meine Kleinkindzeit geschrieben hat. Immerhin war ich ihre erste Enkelin.

Meine letzte Herzensprojekt-Challenge war im Juni 2025. Ich habe täglich mehrere Seiten transkribiert und in meinem Blogartikel ein kurzes Update dazu geschrieben, über meine Entdeckungen, den Transkriptionsprozess, wie es mir damit geht, so weit in die Vergangenheit einzutauchen, immerhin fast 100 Jahre.

Meine letzte Herzensprojekt-Challenge endete mit Aufzeichnungen aus der Jahr 1932. Zu diesem Zeitpunkt war meine Großmutter 30, hatte zwei kleine Kinder, darunter meinen Vater, ein drittes sollte noch folgen. Sie schreibt über ihren Alltag mit den Kindern, mit meinem Großvater, dem Dekorationsmalergeschäft, den gemeinsamen Freunden, den Ausflügen. Aber auch über den politischen Alltag zu jener Zeit.

Vieles, was ich erfahren habe, hat mich überrascht, einiges bedrückt, vieles auch belustigt. Vor allem aber habe ich meine Großeltern von einer Seite kennengelernt, die ich niemals erwartet hätte.

In den letzten Monaten hatte ich die noch nicht transkribierten Leitz-Ordner immer vor Augen und wusste, dass es dort wahrscheinlich ebenso aufschlussreich weitergeht.

Vielleicht hast du auch so ein Projekt, das nie wirklich drängt und trotzdem nie ganz verschwindet?

Was am Ende des Monats stehen soll

Ein festes Seitenziel kann ich diesmal nicht nennen. Anders als bei Band 1, wo ich genau wusste, wie viele Seiten noch übrig waren, weiß ich bei Band 2 noch nicht, wie umfangreich er überhaupt ist.

Was ich am Ende des August stehen haben will:

  • Band 2 begonnen, nicht nur angefangen und wieder liegen gelassen
  • ein Stück weiter im Jahr 1932, vielleicht schon in 1934
  • jeden Tag im Blog dokumentiert, was ich entdeckt habe

Wie weit ich komme? Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Das macht es aber auch spannend.

Wie ich im August konkret vorgehe

Mein Plan: 10 Seiten pro Tag transkribieren. Das ist ambitioniert, das weiß ich. An manchen Tagen werden es nur 5 sein, weil der Text schwerer zu entziffern ist oder der Tag einfach voller ist.

Damit ich nicht bei der ersten Ausnahme das ganze Vorhaben über Bord werfe, gönne ich mir einen Tag pro Woche, an dem ich nichts transkribiere. Vermutlich werde ich ihn nicht mal brauchen. Aber allein zu wissen, dass er da ist, nimmt Druck raus.

Vielleicht kennst du das: Ein besonderer Moment passiert, und ein paar Wochen später weißt du kaum noch, wie er sich angefühlt hat.
Darum geht es in „Erste Male, die bleiben“: Momente festhalten, bevor sie verblassen. Vielleicht verändert das nicht die objektive Zeit. Aber vielleicht sorgt es dafür, dass mehr bleibt.
Mehr über „Erste Male, die bleiben“

Warum mich gerade diese Jahre so reizen

Ich weiß natürlich, wie das Leben meiner Großeltern im Wesentlichen verlaufen ist. Ich weiß, dass sie ihr Haus bei den britischen Luftangriffen 1942 nur retten konnten, weil sie nicht wie angeordnet den Luftschutzbunker aufgesucht hatten und dadurch in der Lage waren, zwei Brandbomben vom Dach zu holen. Ich wusste, wo sich die weiblichen Hausbewohner versteckt hatten. Und dass sie alle den Krieg glücklicherweise überlebt haben.

Dennoch interessiert mich, wie sie die Zeit zum damaligen Zeitpunkt erlebt haben. Gerade die Zeit nach 1932. Unverfälscht, als Zeitzeugen statt im Rückblick. Ich bin sehr gespannt, was mich in diesen Seiten erwartet!

Was diese Challenge nicht ist

Diese Challenge ist kein Pflichtprogramm, bei dem ich um jeden Preis 10 Seiten am Tag abarbeite. Wenn ein Tag nur 5 Seiten hergibt, ist das auch ein guter Tag.

Sie ist auch keine akademische Transkriptionsarbeit. Ich übersetze nicht wortgenau für ein Archiv, sondern für mich und für alle, die mitlesen wollen. Manche Wörter bleiben offen, die markiere ich einfach mit „…“.

Und sie ist kein Versprechen, dass Band 2 am 31. August fertig ist. Wie umfangreich er wird, weiß ich schlicht noch nicht.

Challenge dich glücklich!

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Jokertage & Flexibilität

Ein Jokertag pro Woche, das sind vier im ganzen August. Nutze ich sie nicht, verfallen sie einfach. Kein Nachholen, kein schlechtes Gewissen!

Selbst wenn ich am Ende des Monats weniger geschafft habe als geplant, werde ich trotzdem weiter sein als heute. Darum geht’s bei jeder Challenge. Du fällst nie ganz auf den Ausgangspunkt zurück, selbst an schlechten Tagen bleibt ein kleiner Fortschritt.

Wie das Tagebuch aufgebaut ist

Ab dem 1. August dokumentiere ich hier täglich, was ich in den Tagebüchern meiner Großmutter entdecke. Welche Seite ich geschafft habe, was mich überrascht hat, wie sich das anfühlt, in eine fast 100 Jahre alte Handschrift einzutauchen.

Möchtest du mitlesen, wie es meiner Großmutter im Jahr 1932 ergangen ist? Dann schau ab und zu vorbei.

Das Challenge-Tagebuch meiner Herzensprojekt-Challenge 2026

Tag 1 – 1. August 2026: 30 Jahre Pause?

Gleich Tag 1 ist eine Überraschung. Denn als ich mir einen Überblick über die Aufgabe verschaffen wollte, sah ich: Der Ordner Band 2 beginnt mit dem Jahr 2027. Was ist da wohl schiefgegangen? Einen großen Teil der Seiten dieses Ordners kannte ich also schon.

Fast 5 Jahre wiederholten sich also im Ordner, das war ungefähr die Hälfte des Ordners. Dann ging es mit einem Rückblick weiter – 30 Jahre später. Zunächst schreibt sie über die politische Einordnung der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Das meiste ist allgemein bekannt. Was mich allerdings staunen ließ, war dieser Abschnitt:


In Oberschlesien wurde eine Arbeitsgemeinschaft „Oberschlesien“ gegründet, kurz „Argo“ genannt. Diese baute vollkommen bargeldlos eine Tauschbörse nur durch gegenseitige Verrechnung. Der Gemeinschaft waren angeschlossen: Handwerker, Ladeninhaber, Arbeiter und Intellektuelle. Jedes Mitglied hatte ein Konto, auf das der Wert seiner Leistungen eingetragen wurde. Über die Beträge konnten die Kontoinhaber per Scheck untereinander frei verfügen, nach Abzug von 2 %, die für Verwaltungsarbeiten abgezweigt wurden. Nachdem der erste Versuch in Oberschlesien geglückt war, wurden überall in Deutschland solche Arbeitsgemeinschaften gegründet, die ihrerseits miteinander in Verbindung traten. In Rostock-Brinkmansdorf wurde von der Rostocker „Argo“ ein Einfamilienhaus gebaut.

In der Alpengemeinde Oberwörgel wurde versucht, die Erkenntnisse des Silvio Gesell („Die natürliche Wirtschaftsordnung“, 2. Auflage 1916/7. Auflage 1931) zu praktizieren. Das in der Gemeinde vorhandene Geld wurde umgetauscht in sogenanntes „Schwundgeld“. Diese Geldscheine verloren in jedem Monat einen geringen Prozentsatz an Wert. Jeder Besitzer dieses Geldes hatte also Interesse daran, seine Scheine schnell weiterzugeben, also Waren zu erwerben und damit Arbeit zu schaffen.

Dieses Verfahren war nicht so kompliziert, wie es nach dieser Darstellung scheinen mag. Was Silvio Gesell auf einigen hundert Seiten seines Buches niederlegte, kann hier nur angedeutet werden. In Obervörgel war die Arbeitslosigkeit binnen kurzem beseitigt.


Weiter schreibt sie, dass diese privaten Initiativen regierungsseitig verboten wurden. Das wundert mich nicht, schließlich wurden auch damals Steuereinnahmen benötigt. Dennoch erinnere ich mich, dass es bei uns mal ein ähnliches Projekt gab, die Verrechnungseinheit waren die Rostocker „Knoten“. Wie das wohl steuerlich funktioniert hat?

Jedenfalls schreibt sie nun doch einen Rückblick, wie es aussieht. Schade. Das Gute an der Sache ist allerdings, dass sich ihre Handschrift inzwischen verändert hat. Jetzt kann ich sie problemlos lesen. Nur … das Abschreiben macht mir nicht so recht Spaß. Es muss also mit Technik gehen. Heute habe ich es so probiert: Foto der Seite gemacht und an ChatGPT gegeben – er kann es sehr gut übersetzen. Klar lese ich es mir durch und gelegentlich macht er Fehler, aber die finde ich schnell.

Auf diese Weise habe ich heute 11 Seiten transkribiert, dabei wollte ich mich heute eigentlich nur auf den aktuellen Stand bringen.

Falls du gerade überlegst, was dein eigenes Herzensprojekt sein könnte:
Manchmal hilft ein Format, das dich nicht zu Perfektion drängt, sondern dazu einlädt, kleine Momente festzuhalten, bevor sie verloren gehen. Das war die Idee hinter „Erste Male, die bleiben“.
Mehr erfahren

Tag 2 – 2. August 2026: 30 Jahre Pause?

Der Text über die politischen Verhältnisse hatte übrigens mein Großvater verfasst, wie ich erfahre. Deshalb also die veränderte Handschrift. Einiges hat mich überrascht. Zum Beispiel, dass er nach dem Krieg in einer Entnazifizierungskommission war. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass er nie in der NSDAP war. Er schreibt, dass man ihn mal gefragt hat, ob er nicht Mitglied werden möchte. Man wollte ihn gern zum Obermeister der Malerinnung machen, deshalb wurde ihm das nahegelegt, in die NSDAP einzutreten. Er lehnte jedoch ab. Das ist auch aus den inzwischen veröffentlichen Archivakten erkennbar.

Er schreibt auch, dass bereits damals für Architekten Landschaftsschutz selbstverständlich war, und sie sich angesichts der Forderungen von Hitler einiges einfallen lassen mussten. Das war mir nicht bewusst, ich dachte bisher, Landschaftsschutz wäre erst in den letzten Jahren wichtig geworden.

Vor den Aufnahmebüros für die NSDAP hatten sich anfangs täglich endlose Schlangen gebildet. Das war den neuen Machthabern wohl unheimlich, denn am 1. April 1933 wurde ein Aufnahmestopp verhängt. Er schreibt viel darüber, wie sehr sich die Bevölkerung über die diejenigen lustig gemacht haben, die sich den Nazis plötzlich angebiedert hatten. Selbst die „Altnazis“ wollten mit den sogenannten „Märzgefallenen“ nichts zu tun haben.

Bin gespannt, was ich morgen entdecken werde.

Tag 3 – 3. August 2026: Große Überraschung!

Ich muss zugeben, dass ich ein ganz klein wenig enttäuscht war, dass meine Großmutter diesen Teil von ihrem Mann verfassen ließ. Ich meine, es ist ihr Buch. Warum bitteschön meint sie, dass sie nicht in der Lage ist, die politischen Verhältnisse angemessen zu schildern? Nichtsdestotrotz lese ich auch den Text meines Großvaters gern. Er hat die Sache ja auch teilweise aus der Sicht des Künstlers betrachtet. Wie mit den Werken umgegangen wurde, die die Nazis als „entartet“ bezeichnet hatten und wie sich die Künstler in jener Zeit positioniert hatten. Vieles ist allgemein bekannt, aber aus der Feder meines Großvaters und Stand siebziger Jahre wieder aufschlussreich.

Ich habe meinen Großvater Heinrich Engel immer als sehr bescheiden, klug und geistreich in Erinnerung. Ich hörte ihm sehr gern zu. Gut möglich, dass meine Großmutter einfach seiner Fähigkeit vertraute, die Zusammenhänge besonders treffend zu beschreiben.

Und dann … gab es eine große Überraschung. Ich war gerade mit meinen heutigen 10 Seiten fertig und wollte mir meine Aufgaben für morgen ansehen, da entdeckte ich sie: die altdeutsche Handschrift meiner Großmutter. Im ersten Moment dachte ich, hier wäre etwas durcheinandergeraten. Aber nein, es geht weiter mit dem 1. November 1933. Ich komme wohl doch noch zu meinem Zeitzeuginnenbericht über diese schlimme Zeit.

Tag 4 – 4. August 2026: Weiter geht’s – 1933

Mit diesen Texten hat ChatGPT weit mehr Probleme als mit der neueren Schrift der letzten Tage. Ich muss wesentlich mehr korrigieren und es dauert länger, bis eine Seite transkribiert ist. Aber ich bin ja froh über die Unterstützung. Das Korrekturlesen und Tüfteln über einzelnen Begriffen ist wesentlich komfortabler als das mühsame Entziffern ohne jede Unterstützung in der Vor-KI-Zeit.

Meine Großmutter schreibt über ihre schwierige Entscheidung für ein drittes Kind in Zeiten der Weltwirtschaftskrise, über Unstimmigkeiten mit ihrer Dresdener Familie über die politischen Verhältnisse und über den Umgestaltungseifer der Nazis, die alle wichtigen Positionen mit Parteigenossen besetzen wollten – auch in der Malerinnung.

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Tag 5 – 5. August 2026: Hechtwagen, was war das noch?

Ob ich meine Frequenz mit den 10 Seiten pro Tag durchhalte, erscheint mir gerade fraglich. ChatGPT braucht ewig, um so eine Seite zu entziffern und dann ist auch noch vieles falsch. Vielleicht versuche ich es doch noch mal mit einer speziellen Transkriptionssoftware. Momentan gebe ich ChatGPT immer noch meine Korrekturen in der Hoffnung, dass er daraus lernt. Mal sehen, wie lange ich das durchhalte.

Inhaltlich ging es in dem heute transkribierten Text um eine Reise meiner Großmutter mit ihren beiden Jungs zu ihrer Familie nach Dresden. Anschließend fuhren sie gemeinsam mit ihren Eltern ins Erzgebirge. Meine Großmutter scheint ständig verreist zu sein, diesen Eindruck hatte ich schon bei meinen letzten Transkriptionsrunden. Aber das kann auch täuschen. Vielleicht hat sie ihre Reisen als spannender wahrgenommen als ihren Alltag und deshalb besonders viel darüber geschrieben.

Ein Begriff, mit dem ChatGPT überhaupt nicht klargekommen ist, lautet „Hechtwagen“. Ich konnte mich daran erinnern, dass mein „straßenbahnverrückter“ Bruder als Kind mal darüber gesprochen hat, und nun weiß ich auch, was das ist und woher er das hat.

Als Hechtwagen wurde ein Straßenbahntyp in Dresden bezeichnet, dessen Form an einen großen Fisch mit spitzem Maul erinnert. Seit heute weiß ich, dass dieser neue Typ 1930 in Dienst gestellt worden ist und dass mein Vater damals, er war 1933 fünf Jahre alt, unbedingt mit einem Hechtwagen fahren wollte. Das war für ihn das Spannendste an der ganzen Reise.

Da es die Hechtwagen in Dresden wohl 40 Jahre lang gab, dürfte mein Bruder sie nicht mehr kennengelernt haben, als meine Großeltern mit ihm in den siebziger Jahren zum „Straßenbahnurlaub“ nach Dresden gefahren sind (da gab es so viele Linien, die mein Bruder alle auswendig kannte). Fun Fact: Mein Bruder hat später an der TU Dresden Verkehrswesen studiert und arbeitet heute noch als Verkehrsbauingenieur.

Tag 6 – 6. August 2026: Eine Reise nach Dresden

Auch die heutigen 10 Seiten enthalten einen Reisebericht. Meine Großmutter war offenbar den gesamten Sommer in Dresden und Umgebung und besuchte nicht nur ihre Eltern und Schwestern, sondern auch viele andere Bekannte und Freunde.

Tag 7 – 7. August 2026: Familienausflüge mit Wassermühle

Auch heute habe ich wieder 10 Seiten transkribiert. Auch wenn ich täglich mindestens eine winzige Kleinigkeit in meinem Workflow ändere, um schneller voranzukommen, dauert es immer noch irre lange. Allein schon die Zeit, die ChatGPT benötigt, um eine einzelne Seite zu transkribieren. Und dann entdecke ich immer noch Fehler, die ich manuell korrigieren muss.

Für die Wartezeiten habe ich mir inzwischen kleine Aufgaben zurechtgelegt, damit das Warten nicht so nervt. Dennoch ist die Kombi mit ChatGPT momentan die effizienteste Vorgehensweise. Man möchte ja denken, dass die Wörter, an denen ChatGPT scheitert, für mich noch schwieriger zu entziffern sind. Doch das Gegenteil ist der Fall. Meistens jedenfalls. Wenn er an Wörtern zu knabbern hat, die ich einfach erkenne und er genau die mühelos entziffert, die für mich unverständlich sind – was will man mehr?


Inhaltlich ging es heute wieder um Ausflüge meiner Großmutter mit der Familie, inzwischen wieder zu Hause in Rostock. Oft beschreibt sie Ausflüge, die ich selbst auch aus meiner Kindheit kenne. Sie erzählt, wie sehr es ihren Kindern gefallen hat, also auch meinem Vater. Nun weiß ich auch, warum wir in meiner Kindheit so viele Ausflüge gemacht haben. Wir hatten mal eine Wassermühle an einem Bach im Hütter Wohld gebaut – genau das hatte meine Großmutter in ihrem Buch auch beschrieben.

Ehrlich gesagt fand ich solche Familienausflüge damals ziemlich uncool, weil die Familien der Nachbarskinder sowas nicht gemacht haben. Die anderen Kinder durften einfach draußen spielen, und das hätte ich mir auch gewünscht. Heute undenkbar. Natürlich finde ich es heute schade, dass ich die Ausflüge mit meiner Familie zu wenig wertgeschätzt habe.

Tag 8 – 8. August 2026: Unbehagilche Entwicklungen

Die heutigen Seiten haben etwas bestätigt, was ich schon vermutet hatte: Meine Großeltern hatten mit den Nazis nichts am Hut. Was könnte das besser beweisen als Texte, die nachweislich zu jener Zeit geschrieben wurden. Meine Großmutter schreibt über eine alljährliche Wanderung mit der Innung. In diesem Jahr – 1933 – war die Stimmung nicht schön. Es fehlten viele, vor allem die Älteren, die von den politischen Entwicklungen und den neuen Machthabern nichts hielten.

Über die Wahlen am 12. November 1933 schreibt sie, dass sie das Wahlergebnis – 93,5 % der abgegeben Stimmen für die NSDAP – mit Fassungslosigkeit zur Kenntnis genommen hatte. Sie selbst hatten anders gewählt.

Tag 9 – 9. August 2026: Wieder eine Schreibpause

Nun gibt es einen Sprung ins Jahr 1940. Sie schreibt, dass sie mit drei Kindern so gefordert war, dass keine Zeit zum Schreiben blieb. Neben den Kindern hatte sie schließlich auch Aufgaben in der Firma und im Haushalt. Deshalb hat sie die Zeit in groben Zügen rückblickend beschrieben.


Mich hätte mal interessiert, wie man damals die Kleidung der Kinder sauber gehalten hat. Noch aus meiner Kindheit kann ich mich erinnern, wie meine Großmutter in der Waschküche in einem großen Kessel Wäsche gewaschen hat. Und an ihr Unverständnis, wenn wir – meine Mutter und ich – mal äußerten, „keine Zeit“ für irgendwas zu haben. Schließlich hatten wir ja eine Waschmaschine, das muss in ihren Augen eine enorme Zeitersparnis gewesen sein. Klar, war es auch. Und wenn ich mir vorstelle, wie viel Wäsche heute mit drei kleinen Kindern anfällt …

Tag 10 – 10. August 2026: Kindheit in Afrika?

Die Schwester meiner Großmutter war in den dreißiger Jahren mit ihrem Mann nach Ostafrika, dem heutigen Tansania gegangen. Sie hatten dort Pflanzungen. Selbst hatten sie keine Kinder und deshalb hofften sie, einen ihrer Neffen als Nachfolger mit nach Afrika nehmen zu können. Mein Vater hätte seine Kindheit also durchaus auch in Afrika verbringen können – zumindest einige Jahre. Denn später, nach Ende der Kolonialzeit, mussten meine Großtante und ihr Mann Afrika wieder verlassen.


Was mir auffällt: Die Erziehungsmethoden waren damals ziemlich rabiat, wenn ich sie mit heutigen Maßstäben vergleiche. Meine Großmutter schreibt mit einer großen Selbstverständlichkeit darüber, wie sie ihren Kindern den Hintern versohlt … da wäre heute wohl längst das Jugendamt eingeschritten. Damals war das offenbar etwas, was man machen musste. Auch wenn man es nicht gern macht.

Tag 11 – 11. August 2026: Das dritte Kind

Meine Großmutter leidet unter ihrem dritten Kind. Meine Tante ist so anders als ihre beiden großen Brüder. Bockig und störrisch. Und dann die ewigen Vorhaltungen ihrer Familie, besonders ihrer Dresdener Herkunftsfamilie. Ich fühle gerade mit ihr. In so einer Situation kann man alles gebrauchen, nur nicht ungebetene „kluge“ Ratschläge von allen Seiten.

Hinzu kam, dass sie, also sie wieder im Sommer in Dresden war, alle drei Kinder Masern bekommen hatten und länger bleiben mussten als geplant. Ihr Aufenthalt war wohl insgesamt eine so schlimme Erfahrung, dass sie beschließt, ihre den nächsten Ferien in Rostock zu verbringen.

Tag 12 – 12. August 2026: ChatGPT halluziniert

Mir ist es immer noch nicht gelungen, ChatGPT zu bewegen, Wort für Wort zu transkribieren. Er trifft immer noch zu viele Annahmen und denkt sich ziemlichen Blödsinn aus, manchmal auch bei Sachen, die wirklich leicht zu entziffern sind. Auch ein neuer Chat hilft nicht. Dennoch denke ich, dass ChatGPT inzwischen einiges gelernt hat über die Aufgabe, das hält mich noch davon ab, es einfach mal mit Claude zu versuchen.

Tag 13 – 13. August 2026: Kriegsbeginn

Heute ging es in den transkribierten Tagebuchseiten um die Zeit kurz vor dem zweiten Weltkrieg. Meine Großmutter hat den Sommer mit den Kindern in Wustrow auf Fischland/Darss verbracht, ihre Mutter war aus Dresden angereist und einige Tage auch ihre Schwester Dorle. An den Wochenenden war auch mein Großvater da.

Sie schreibt, man hätte schon geahnt, dass Krieg bevorstehen würde, aber dass es dann so schnell ging, hat dann doch niemand erwartet. Am 20. August holte mein Großvater sie mit ihrem neuen Opel Kadett ab, den sie nach langem Warten, wie sie schreibt, am 15. Juli bekommen hatten. Nun mussten sie ihn nach nur 6 Wochen wieder stilllegen, denn am 25. August wurde mein Großvater zum Militärdienst eingezogen. Meine Großmutter konnte offenbar nicht Auto fahren.

Über die folgende Zeit schreibt sie nur, dass sie gemeinsam mit ihrem Schwiegervater das Geschäft einigermaßen am Laufen gehalten hatten, sie hatten schließlich 25 Gesellen und viele Baustellen weiterzuführen. Zu allem, was sich in dieser Zeit ereignet hat, verweist sie auf die Briefe, die sie mit meinem Großvater ausgetauscht hat. Die habe ich im Moment nicht, aber sie werden im Nachlass sicher zu finden sein.

Ende 1940 wurde mein Großvater aus dem Militärdienst entlassen.

Ich habe ja gerade in den letzten Wochen in zwei Büchern über diese Zeit gelesen. Darüber, wie Menschen die Zeit unmittelbar vor Kriegsbeginn erlebt haben. Nun habe ich auch ein Bild, wie es meinen Großeltern zu der Zeit ergangen ist.

Und dann beginnt wieder mal ein Abschnitt in einer anderen Handschrift, die ich nicht kenne: Die Rostocker Schicksalsnächte. Es gibt einen zeitlichen Sprung ins Jahr 1942, und meine Großeltern wurden wieder einmal durch einen Bombenalarm nachts aus dem Bett geholt. Sie setzten sich widerwillig in Bewegung weil sie erwarteten, dass nichts weiter passieren würde, wie schon so oft zuvor.

Tag 14 – 14. August 2026: Rostocker Schicksalsnächte

Inzwischen ist klar: Diesen Abschnitt über die Rostocker Schicksalsnächte 1942 hat mein Großvater geschrieben. Das geht aus dem Inhalt eindeutig hervor. Die Handschrift unterscheidet sich allerdings eindeutig von seiner späteren aus den siebziger Jahren, aber es liegen ja auch etwa 30 Jahre dazwischen.

Die Darstellung der damaligen Ereignisse ist anschaulich und dramatisch zugleich. Ich wusste zwar, dass unser Haus abgebrannt wäre, wenn er und die anderen Hausbewohner es nicht gerettet hätten, aber so eine richtige Vorstellung davon, wie es konkret abgelaufen ist, hatte ich nicht.

Mit welcher Selbstverständlichkeit ich später dort gelebt habe … wie mag es für meine Großeltern wohl gewesen sein, dass wir all das, was sie, ihre Mieter und Nachbarn erlebt und geleistet haben, so wenig gewürdigt haben?

Unser Haus steht heute noch in der Rostocker Innenstadt. Wie vermieten es und planen, es zu sanieren. Mehrere Nachbarhäuser haben diese Bombennächte nicht überlebt.


Übrigens habe ich heute begonnen, die Seiten mit Claude und nicht mit ChatGPT zu übersetzen. Claude erledigt die Aufgabe – jedenfalls heute – deutlich schneller und präziser. Das mag daran liegen, dass er die Handschrift besser entziffern kann. Nett finde ich seine Kommentare zum Inhalt. Zum Beispiel:

„Diese Seite ist fotografisch fast schon ein Actionfilm – inklusive Fotoapparat mitten im Angriff …“ oder

„Ziemlich eindrücklich, das mit dem Kreuz aus Feuerherden. Die „Chirurgische Klinik“ passt übrigens gut zur Rostocker Uniklinik – stimmt historisch mit den Luftangriffen im April 1942 überein …“ (Klar, was sonst??? Es ist die Chirurgie der Uniklinik)

„Ziemlich mutige Aktion übrigens, eine brennende Stabbrandbombe einfach vom Dach zu treten …“

Der Bericht der Bombardierung Rostocks wird mich vermutlich noch einige Tage beschäftigen, ich habe ja gerade einen Bruchteil davon transkribiert. Mal sehen, vielleicht werde ich ihn hier am Ende veröffentlichen.

Tag 15 – 15. August 2026: Muskelkater vom Löschen und Sichern

Das Transkribieren des Tagebuchs geht immer schneller und einfacher. Der Inhalt hat es nach wie vor in sich. Mein Großvater beschreibt, welche Häuser nach der zweiten Bombennacht noch stehen. Wenn ich die Wismarsche Straße in Gedanken durchgehe, weiß ich, wo die Häuser gestanden haben, die in der letzten Nacht in Schutt und Asche zerlegt worden sind. Die Grundstücke wurden nach dem Krieg neu bebaut. Jetzt kenne ich den Moment, in dem das veranlasst wurde.

Meine Großeltern sind völlig erschöpft von den nächtlichen Löscharbeiten und den täglichen Räumarbeiten und den Vorbereitung auf die nächsten Bombenangriffe. Sie finden kaum Schlaf, am Abend der dritten Bombennacht haben sie sich Wecker gestellt auf 01:30 Uhr – den Zeitpunkt der Luftangriffe – um nicht im Bett davon überrascht zu werden.

Tag 16 – 16. August 2026: Die vierte Bombennacht

Die vierte Bombennacht in Folge. Tagsüber ist mein Großvater damit beschäftigt, in der Nachbarschaft beim Löschen und Aufräumen zu helfen und Sicherheitsvorkehrungen zu treffen. Meine Tante, sie war das jüngste Kind, wurde nach Dresden zur Familie meiner Großmutter geschickt. Mein Vater schreibt dazu: Werden wir uns wiedersehen?

Geschlafen haben alle nur wenige Stunden zwischen Abendbrot und den Bombardierungen, die in jeder Nacht pünktlich um 01:30 Uhr beginnen. Und doch machen sie beim Abendbrot Witze.

Vor der vierten Bombennacht ist die Familie aus Versehen eine dreiviertel Stunde zu früh aufgestanden. Die Wartezeit verbringen sie mit Kreuzworträtseln, meine Großmutter stopft Strümpfe.

Tag 17 – 17. August 2026: Aufräumen nach den Bombardements

Ich wusste immer, dass Rostock im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde. 1,5 qkm waren dem Erdboden gleich, die Londoner City betrug laut meinem Großvater damals 1 qkm. Ganze Straßenzüge wurden nach den Krieg neu aufgebaut und als ich geboren wurde, waren sie fertig. Ich habe das immer so hingenommen. Davon zu hören, war für mich eine nahezu emotionslose Angelegenheit. Ist schließlich lange her …

In diesen Tagen ahne ich erstmals, was das wirklich bedeutet haben muss. Die heute transkribierten Tagebucheinträge sind vom 3. Mai 1942, also gerade mal eine Woche nach den beschriebenen Ereignissen. Meine Großeltern stehen immer noch komplett unter den Eindrücken der vergangenen Tage. Natürlich … was sonst …

Tag 18 – 18. August 2026: Kriegsende

Der Bericht meines Großvaters ist abgeschlossen. Falls es dich interessiert, kannst du ihn hier lesen. Nicht jedes Wort konnte ich entziffern, gerade wenn es um Gaststätten geht, die damals zerstört wurden, kann man sich die Namen auch nicht herleiten.

Nacht vom Donnerstag, d. 23. auf Freitag, d. 24. April 1942.

Gegen ½ 2 Uhr ist Fliegeralarm. Unwillig stehen wir auf. In der Ferne schießt die Flak. Wir gehen in den Luftschutzkeller in der Erwartung, daß in dieser Nacht nichts mehr geschehen wird wie in so mancher anderen. Schlimmstenfalls brennen einige Dachstühle oder auch ganze Häuser aus, andere werden durch Bombentreffer beschädigt oder vernichtet. Man spricht einige Tage darüber. Der Schutt wird weggeräumt und bald bietet die Stadt wieder den Anblick der gewohnten Geschäftigkeit.

Das Bellen der Flak wird lauter. Man spürt leichte Stöße, die Wirkung der Sprengbomben. Ich gehe unter das Dach des hinteren Treppenhauses, um zu sehen, ob Brandbomben in unser Grundstück fallen. Durch das Fenster beobachte ich, wie die Leuchtspurmunition der Flak ihre Spuren in den Himmel zeichnet. Der helle Schein des Halbmondes, der schon tief im Westen steht, beleuchtet die kleinen Sprengwolken der 8,8-Geschosse. Sie stehen hoch am Himmel. Im Südosten glänzt plötzlich ein heller Schein, der sich ganz langsam senkt und den Himmel und die Stadt hell anstrahlt, eine Leuchtbombe. Die Detonationen der Sprengbomben werden heftiger. Jetzt ist im Südsüdosten hellroter Feuerschein, Brandbomben haben gezündet. —

Jetzt eine heftige Detonation … das Haus erbebt. Westnordwest wachsen 2 Rauchsäulen rasend schnell zum Himmel. Es muß in der Nähe der Chirurgischen Klinik sein. Auch dort breitet sich schnell naher Feuerschein aus. Man sieht Rauchwolken und lohenden Brand. Der ganze Himmel ist jetzt fahlrot. Nach etwa 1 ½ Stunden ebbt das Feuer der Flak ab. Das leichte Beben, das das Haus hin und wieder erschütterte, verliert sich. Ich trete auf das Dach und sehe 4 Feuerherde. Wenn ich die Brandstellen mit Linien verbinde, steht unser Haus im Mittelpunkt eines Kreuzes.

Der Morgen enthüllt dann die Wirkungen dieses nächtlichen Angriffes. In unserer Haustür fehlt eine Scheibe. Etwa die Hälfte der Häuser in der Nähe sind zertrümmert. Der Stadtteil bei den Polizeigärten sieht trostlos aus. Fast alle Ziegel sind von den Dächern abgedeckt. Dachsparren sind zerbrochen, nur wenige Fensterscheiben sind heil geblieben. Die Straßen sind von der Polizei abgesperrt. Man erkennt aber, daß einige Häuser soweit vernichtet sind, daß sie abgebrochen werden müssen. In weitem Umkreis dieser Trümmerstätte sind die Fensterscheiben eingedrückt. In den Wohnungen sind Türen zersplittert. Die Menschen sind recht verstört — in der Braamstr. sind einige Häuser ausgebrannt. Ein Lagerschuppen in der Nähe des Bahnhofes brennt noch jetzt. Das Wirtschaftsgebäude der Chirurgischen Klinik und Häuser in dieser Gegend zeigen schwere Schäden.

Die zweite Nacht vom Freitag, d. 24. auf Sonnabend, den 25. April 1942

Der Engländer soll Flugblätter abgeworfen haben, daß er wiederkommen wolle, und zwar 4 Nächte lang. Andere behaupten, bis zum 1. Mai solle Rostock vernichtet sein. Aber was sind schon Flugblätter, was sind schon Gerüchte.

Als wir abends ins Bett gehen, ist uns doch etwas beklommen zumute. Pünktlich um ½2 Uhr heulen die Sirenen. Heute flitzen wir aus dem Bett, ziehen uns eilig an. Schnell ist alles im Luftschutzkeller: Oma und Opa, wir, Christian, Frau [Sienke?] aus dem 2. Stock mit ihren kleinen Jungen und ihrer Untermieterin, die Ehepaare Joseph und Wittenhagen. —

Es beginnt wie üblich. In der Ferne hört man Schießen und Detonationen. Die Erschütterungen werden geringer. Ich gehe in das hintere Treppenhaus, gehe zurück in den Luftschutzkeller. In der Nähe kracht es laut, das Haus schüttelt sich förmlich. Scheiben klirren, ein kalter Luftzug weht durch das Haus. Ich springe auf den Boden des Vorderhauses und sehe durch das Fenster nach hinten, auf dem Dach blendende weiße Helle.

Ich rase zurück, rufe in den Luftschutzraum: „Es brennt auf dem Dach.“ Dann bin ich schon zur Tür hinaus, bin ich augenblicklich auf dem Dach und sehe den funkensprühenden Stab einer Brandbombe in der Dachkante stecken. Ich versuche mit dem Fuß die Bombe vom Dach zu treten. Sie knickt ein. Noch einmal draufgetreten und das obere Ende fällt in den Nachbarhof des Hauses 67. Der untere Teil glüht und sprüht weiter und setzt seine Umgebung in Brand. Ich nehme 2 Hände voll von der bereitgestellten Erde und drücke sie erst auf die Glut. Noch einmal, und dann einen Eimer Wasser hinterher. Der Brand ist erstickt.

Jetzt wird mir die ungeheure Gefahr bewußt, in der wir waren und immer noch sind. Kaum 2 Meter von der Brandstelle entfernt befindet sich eine Dachkammer, in der wir leichtsinnigerweise noch Lacke aufbewahren. Mit unseren beiden Jungens, die wir gleich geholt hatten — Peter bei dem Feuerlöschapparat —, mit Christian, unserem Neffen, mit meiner Frau und unserer Oma räumen wir die ziemlich vielen Kanister nach unten, gleichzeitig Wasser nach oben, um für einen zweiten Angriff vorbereitet zu sein.

Es ist um uns etwas ruhiger geworden. Nr. 60 brennt ganz hell, vor allem die Klinikgebäude. Überall in der Nähe und in der Ferne, jenseits der Straße, ist Feuerschein. Ich hole meinen Photoapparat und mache 2 Aufnahmen. Kaum bin ich fertig, als ich bemerke, daß auch in unseren Nachbarhäusern Feuer ausbricht. Ich rufe mehrmals: „Herr Seering, es brennt bei Ihnen.“ Bald hat sich der 16-jährige Sohn mit einigen Einwohnern über den schwelenden Brand in einem Zimmer des 2ten Stockwerks gemacht. Eine Brandbombe war durch das Fenster gefallen und hatte die Polsterung eines Sofas entzündet, dann Gardinen, Fenster und Fußboden. Es gelingt nach einiger Zeit, das Feuer mit Sand und Wasser zu löschen.

Inzwischen breiten sich die Flammen im 2. Stock des Hauses 65 aus. Dort war die Wohnung, in die eine Brandbombe fiel, verschlossen. Die kostbarste Zeit ging verloren, indem sie geöffnet wurde. Die Flammen greifen in den Dachstuhl und gefährden unser Haus, obwohl der scharfe Südostwind günstig für uns ist. Von unserem Dach aus versuchen wir, dem Brand beizukommen. Unsere beiden Jungens und Christian, unsere 74-jährige Oma und meine Frau schleppen einen Eimer Wasser nach dem anderen auf das Dach. Die Nachbarn von Nr. 67 und unsere Mieter unterstützen uns. Ich gieße das Wasser in das Feuer, das nicht recht zur Entwicklung kommt. Von zwei, zeitweilig von 3 Seiten sind wir vom Feuer umgeben.

Eine zweite Ladung Brandbomben geht über unsere Häuser. Unser eigenes bleibt uns noch ziemlich verschont. Aber in die brennenden Grundstücke Nr. 64, 63 und 60 prasseln sie hinein. Um uns detonieren Sprengbomben. Flaksplitter regnen auf die Dächer. Huii-huii! Ein Knacken, eine heftige Erschütterung, offenbar eine Luftmine, die in der Nähe ihre Wirkung tut. Funken und brennende Holzstückchen umwehen uns. Dicht über uns geht ein Flugzeug hinweg.

Wir löschen. Dann stellen wir eine Leiter an das Nachbarhaus, um das Feuer von einem Fenster aus zu bekämpfen. Unmöglich. Ich versuche vom Treppenhaus zu dem Brandherd zu kommen. Der undurchdringliche Rauch verhindert es. Jetzt gehe ich wieder auf das Dach, um einen Eimer Wasser nach dem anderen in den schwelenden Brand des Nachbarhauses zu schütten. Vielleicht gelingt es, ein Umsichgreifen der Flammen zu zu verhindern, bis die Feuerwehr kommt. Die Nachbarn helfen unterdessen weiter, Wasser zu tragen. Nebenbei höre ich, daß Methling auf der anderen Seite der Straße das Feuer in seinem Dachstuhl gelöscht hat. Die beiden Häuser östlich von ihm sind nicht mehr zu retten. Die Einwohner versuchen hier wie überall, ihre Habe aus den brennenden Häusern zu schaffen. —

Mehling schickt uns Wassereimer. Zwei Feldwebel, ein Gefreiter, ein Zivilist kommen zu uns aufs Dach, um zu helfen. Sie schlagen mit einem Beil eine Öffnung in die Brandmauer des Nachbarhauses, die unserem Haus nur etwa 1,50 m entfernt steht, um an den Brandherd zu kommen. Der scharfe Südostwind fährt in diese Öffnung, und in Minutenschnelle steht das Dach in hellen Flammen. Das Haus ist verloren.

Auch das Hinterhaus unseres Nachbarn, in dem eine Brandbombe gezündet hat, wird von Flammen ergriffen und bedroht unseren Wirtschaftsschuppen, was ich jetzt erst bemerke. Die Hitze auf dem Dach des Schuppens ist unerträglich. Der Teer auf der Dachpappe wird flüssig und tropft. Wasser, das hinaufgegossen wird, verdampft im Nu. Viele Eimer Wasser gieße ich in das glühende Feuer des Nachbarhauses, um es zu dämpfen. Inzwischen schlägt das Feuer des Hauptgebäudes in die unteren Stockwerke und in das Treppenhaus. Funken und brennende Holzteile fallen auf das Schuppendach. Kaum kommt genügend Wasser heran, um löschen zu können. Der Hohlraum zwischen beiden Grundstücken fängt Feuer, das aber zu löschen ist. Jetzt stürzt die Treppe zusammen. Etwas später stürzen die Öfen mit Fußböden, Decken, Balkenlagen in die Tiefe und verschütten unsere „Tüsche“, die vom Nachbarn überbaut war. Die Glut wird jetzt, da der Morgen graut, etwas gelinder. Ich kann einen Augenblick aufatmen.

Nachdem die Hauptgefahr beseitigt worden ist, sind die Bewohner unseres Hauses nervös geworden. Sie beginnen, die Wohnungen zu räumen. Irgendjemand hatte gesagt: „Dies Haus ist nicht mehr zu halten und muß geräumt werden.“ Einige „Helfer“ finden sich ein, um Wäsche, Möbel, Betten, Silberzeug u.s.w. in die Schaufenster der ungefährdeten Häuser zu tragen. Bald sehen die Leute ein, daß sie voreilig gehandelt haben. Sie suchen ihr Eigentum wieder zusammen.

Meinen Eltern fehlen jetzt 2 Oberbetten und weitere Bettwäsche. Wittenhagens vermissen Wäsche, Silbergeschirr und eine Schreibtischlampe. In einer anderen Wohnung fehlt ein Teppich, woanders wieder ein Rundfunkgerät, Kleider u.s.w. —

Inzwischen sind einige Plünderer, Frauen und Männer, Ausländer und Einheimische, erschossen worden. Von den soeben erwähnten in Verlust geratenen Einrichtungsstücken findet sich fast alles nach 2–3 Wochen wieder an. In der ferneren Nachbarschaft lag es verstreut in Luftschutzkellern und Wohnungen. —

Während ich mich noch bemühe, das Feuer von unserem Grundstück fern zu halten, erfahre ich, daß meine Cousine Frieda Albrecht, deren Mutter und Tochter obdachlos geworden sind. Wir nehmen die Mutter einstweilen bei uns auf. —

Gegen Mittag riecht es brenzlich in unserem Haus. Durch ein Kellerfenster ist Feuer aus dem eingestürzten Nachbarhaus zu uns gedrungen. Das Fenster brennt, die Deckenverschalung fängt an zu glimmen. Mit der Luftschutzspritze ist der Brand bald gelöscht.

Wir alle haben bis an die Grenze unserer Kraft gearbeitet. Aber vorläufig ist es geschafft. Gegen Abend verspüren meine Frau und ich einen Muskelkater, wie wir ihn wohl noch nie hatten. Es wird mir sehr schwer, Treppen zu steigen.

Die Ottostraße ist jetzt nach der zweiten Nacht ein großer Trümmerhaufen. Nur am Straßenende dieser Straße stehen noch einige Häuser, und in der Mitte noch eine Gruppe von 3 Grundstücken. In unserer Wismarschen Straße sind Nr. 58, 59 und 60 ausgebrannt. Nr. 61 und 62 wurden durch die Feuerwehr gerettet, Nr. 63, 64, 65 sind ebenfalls restlos ausgebrannt. Nr. 66, unserem Hause, in Nr. 67 und 68 konnten die Brandbomben oder die durch diese hervorgerufenen Brände bald gelöscht werden.

Uns gegenüber sind 2 Häuser leer gebrannt. In einem weiteren konnte das Feuer im Dach gelöscht werden. Im oberen Teil unserer Straße sind 5 Häuser durch Spreng- und Brandbomben vernichtet, zwei weitere erheblich beschädigt. Fast alle Häuser haben erhebliche Glasschäden, Zerstörungen in den Dächern, oder auch zersprengte Türen.

Unsere Wismarsche Straße ist eine der meistgeschädigten in Rostock. Aber auch in anderen Stadtteilen sind die Verwüstungen erheblich.

Das Wasser in unseren Leitungen läuft noch, wenn auch spärlich. Die Gasleitungen geben seit der ersten Nacht kein Gas mehr. Das elektrische Licht, das zu Beginn des zweiten Angriffs plötzlich verlöschte, kommt im Laufe des Tages wieder in Gang.

Unser Neffe Christian ist heute nachmittag heim gefahren.

Unsere gute Oma wischt alle Treppen und Flure auf.

Das Mittagessen will heute nicht schmecken, das Abendbrot schon garnicht. Wir nehmen als sicher an, daß der Engländer heute Nacht wieder kommt.

Wir beschließen, falls unser Haus doch nicht zu halten sein soll, unsere gesamte Habe mit unserer Anschrift zu versehen, damit bei der Bergung des Gutes Verwechslungen ausgeschlossen sind. Am nächsten Tage malen und heften unsere Jungens mit Feuereifer an alle Gegenstände Zettelchen mit unserer Anschrift. Unsere Lacke und die Terpentinvorräte räumen wir wegen ihrer leichten Brennbarkeit in das ausgebrannte Nachbargrundstück, was für mich sehr beruhigend ist. —

Während des Morgens, als das Schicksal unseres Hauses noch nicht entschieden war, wurde unsere Sigrid in das Obdachlosenlager des geologischen Institutes gebracht. Als sie wiederkommt, ist sie recht verstört. Während des Tages weint sie, wenn sie die Häusertrümmer sieht oder wenn wir anderen von den Erlebnissen der beiden letzten Nächte erzählen.

Die dritte Nacht vom Sonnabend, dem 25. April auf Sonntag, den 26. April 1942

Über das ganze Haus haben wir Löschwasser verteilt, in Tonnen, Eimern, Waschbalgen, vielleicht 150 Eimer voll. Erde steht zum Löschen bereit in Kisten, Eimern und Tüten, ebenfalls trockene Tücher, die nicht brennbar sind. Die Jungens haben tapfer geholfen, dies alles herzurichten. Was getan werden konnte, um einem Brand zu begegnen, ist geschehen. Wir sind todmüde, als wir gegen ½11 Uhr ins Bett gehen.

Als ich die Augen schließe, ist mir’s, als sähe ich Funken stieben, brennende Dachsparren zusammenbrechen. Wir haben den Wecker auf ½2 Uhr gestellt, um vom Alarm nicht gar zu jäh geweckt zu werden.

Um ½2 Uhr ist noch kein Sirenenheul zu hören. Es vergehen weitere 5 Minuten, immer noch nicht. Wir fangen an zu glauben, daß diese Nacht so vorübergehen möge. Jetzt — in der Ferne Schießen, dann — schwaches Sirenengeheul. Viele Alarmanlagen sind schon zerstört. Augenblicklich sind wir angezogen. Bald ist die Hausgemeinschaft im Schutzraum.

Während das Schießen und die Detonationen lauter werden, gehe ich durch unsere Wohnungen, um die Fenster zu öffnen, sie vor dem Zersplittern, wenn irgend möglich, zu bewahren. Eine Tür in der elterlichen Wohnung ist verschlossen. Während ich in den Luftschutzraum gehe, den Schlüssel zu holen, erfolgen heftige Explosionen, begleitet von Erschütterungen, wie wir sie bisher nicht erlebten. Scheiben klirren, ein kalter Luftzug durchweht das Haus. Die verschlossene Tür ist jetzt vollkommen zerfetzt.

Jetzt beziehe ich meine Wache oben im hinteren Treppenhaus. In kurzen Zwischenräumen erbebt das Haus unter den heftigsten Detonationen, die ganz in der Nähe erfolgen müssen. In Abständen von einigen Minuten schallt Peters Stimme durch’s Haus: „Alles in Ordnung?“ Er ist Melder. Ich antwortete: „Alles in Ordnung.“ Während einer Feuerpause bin ich im Keller. Die dort Anwesenden sind bleich aber gefaßt. Unsere Sigrid lehnt im Halbschlummer an Frau Josephs Schulter. — Das Krachen der Bomben hat sich in der Ferne verloren, bald hört es ganz auf. Obgleich unser Haus heute nicht direkt betroffen wurde, empfinden wir diesen Angriff als den heftigsten der letzten 3 Nächte.

(Eine Zeile abgeschnitten) … die etwa 1½ Stunden dauerten. Wir zählten 7 Angriffswellen, die über uns hinweggingen.

Im Hause sind wieder eine Reihe Fensterscheiben zertrümmert, teils durch den Luftdruck der Bombeneinschläge, teils durch Flak- oder Bombensplitter. Hätten wir nicht so viele Fenster geöffnet, wären die Beschädigungen weit umfangreicher gewesen. Als ich auf die Straße trete, bietet sich mir ein furchtbarer Anblick. Die Medizinische Klinik brennt in ihrer ganzen Ausdehnung, einige anschließende Häuser ebenfalls. Der tagelang wehende scharfe Ostwind ist jetzt zum Sturm angewachsen, der die Funken bis in unsere Straße weht. In der (unleserlich) und in der Feldstraße wüten je ein Großfeuer. Hier sind auch einige Grenz- (eine Zeile abgeschnitten)

Unsere Nachbarin Frl. Wegner kommt zu uns, einen Koffer abzustellen. Gestern brannte ihre Wohnung im Nachbarhaus aus, heute wird ihre Arbeitsstätte in der Medizinischen Klinik vernichtet. Sie stellt diese Tatsache fest, ohne viel zu klagen, und geht wieder in die Klinik, um sich an den Bergungsarbeiten zu beteiligen.

Ich gehe jetzt in die Feldstraße, um dort die Habe aus den brennenden Häusern helfen zu holen. Hier herrscht vielfach ausgesprochene Panik. Die Menschen versuchen kaum noch, die Brände zu löschen und räumen schon die Häuser, die noch 40–50 m von den Brandstätten entfernt sind.

Als der Sonntagmorgen dämmert, fegt der Wind schwere Rauchwolken über die Stadt, sodass die Sonne nur als eine blutigrote Scheibe steht.

Erst am Nachmittag lichtet sich der Himmel ein wenig. In der letzten Nacht wurde die Zerstörung in unserer Nähe weiter getrieben. In einem Umkreis von etwa 100–200 m sind bisher 9 Sprengbomben und 2 oder 3 Blindgänger niedergegangen. Nicht gerechnet sind jene Einschläge, die den nahegelegenen ‚Alten Friedhof‘ aufsuchten. Der Zutritt hierzu ist einstweilen gesperrt wegen der Blindgänger, die dort liegen. Große Teile der Altstadt und der mittleren Stadt sind vernichtet. Die schöne Nikolai-Kirche ist teils verbrannt, teils zerstört. –

Jetzt beginnen auch viele der Beherztesten zu verzagen. Sie räumen ihre Häuser, fliehen aufs Land oder wollen die kommende Nacht in den öffentlichen Luftschutzbunkern verbringen. Auch unter unseren Mietern will sich diese Stimmung durchsetzen. Erst als wir und die Eltern sich eindeutig entschließen, auch diese Nacht in unserem Hause zu bleiben, um aufkommende Brände rechtzeitig zu löschen, verstehen sich unsere Einwohner ebenfalls dazu, zu bleiben.

Unsere Sigrid allerdings schicken wir mit Müllers, die seit gestern ohne Wohnung sind und heute mittag abreisen, nach Dresden. Sie hat sich tapfer gehalten und will nun fort, wenn in Dresden keine Schule ist. Alle ihre Freundinnen haben Rostock verlassen. Die Gespräche der Erwachsenen, der Anblick der Ruinen beeindrucken sie sichtlich. Auch meiner Frau riete ich an. Sie lehnt dies entschieden ab. Wir alle halten unser Haus, das uns behütet hat, für das wir uns eingesetzt haben, (Zeile abgeschnitten) … meint meine Frau, finde ich dies alles rasend interessant.‘ Dass die Jungens bleiben, ist eine ausgemachte Sache.

Gegen Mittag verabschieden wir uns von unserem Mädel. Die Trennung wird ein wenig schwerer. Ob wir uns wohl wiedersehen?

Unser alter getreuer Polier Pawell berichtet uns heute. Er hat die Nacht in einem öffentlichen Luftschutzraum verbracht. Nach der Entwarnung suchte er seine Wohnung auf. Die ganze Grapengießerstraße stand in Flammen. Es gelang ihm, sein Rundfunkgerät und einige Wäsche- und Kleidungsstücke aus dem brennenden Hause zu bergen. Jetzt wird er mit seiner Tochter und seiner Enkelin irgendwohin evakuiert. Etwas später kommt unser Gehilfe Lewerenz. Die Wohnung … (Zeile abgeschnitten)

Er hat Gelegenheit, bei Verwandten in Gehlsdorf unterzukommen.

Im Laufe des Tages war ich mit unserem Mieter Joseph in den ausgebrannten Nachbargrundstücken. Bei unserem Schuhmacher lag da, wo einst sein Hühnerstall war, ein Haufen schwelenden Futters. Ich goss einige Eimer Wasser drauf und erfuhr später, dass ein Teil dieses Futters noch brauchbar war. Bei unserem Kohlenhändler liegen auf dem Hofe über 150 Zentner Kohlen und Briketts. Ein Teil davon brennt. Ich versuche mit Wasser zu löschen. Vergeblich! So schaufeln wir etwa 30 Ztr frei und hoffen, dass diese gerettet werden. Auch bei den Briketts gelingt es, die brennenden Teile zu isolieren. —

Die gebrechliche alte Tante Alwine haben wir am Nachmittag in die neue Unterkunft zu ihrer Tochter gebracht, nachdem sie eine Nacht und einen Tag bei uns war.

Peter hat sich heute 13,75 RM verdient, indem er Flüchtlinge deren Habe zu den Sammelstellen und zum Bahnhof brachte. Wir machen ihm Vorwürfe, dass er seine Kräfte nicht geschont hat. Er meint indessen, die armen Menschen hätten ihm so leidgetan, und einmal hätte er mir versehentlich ‚ja‘ gesagt, als man ihn nach seiner Bereitwilligkeit fragte.

Unsere Lack- und Terpentinvorräte räumen wir wegen ihrer leichten Brennbarkeit in das leergebrannte Nachbargrundstück, was für mich sehr beruhigend ist.

Die 4. Nacht vom Sonntag, dem 26. April auf Montag, d. 27. April 1942

Gegen Abend ist die Stadt wie ausgestorben. – Unsere Wasserleitungen geben kein Wasser mehr. Unsere Gedanken beschäftigen sich nun mit der kommenden Nacht. Alle Luftschutzgeräte, Wassereimer, Sandvorräte usw. werden noch einmal überprüft. Wir glauben sicher zu wissen, dass der Feind gegen ½2 Uhr wieder kommt, sein Werk fortzusetzen. Dass unsere Abwehr auch diesmal stark genug sein wird, den Gegner abzudrängen, hoffen wir; glauben können wir es nach den bisherigen bitteren Erfahrungen nicht. Die Stimmung ist bei uns begreiflicherweise nicht gerade glänzend. Trotzdem gelingt uns während des Abendessens noch ein guter Witz. Die Jungens glossieren die Berichte, die unter den Tagesneuigkeiten im ‚Rostocker Anzeiger‘ zu stehen pflegen, etwa so: In der Grubenstraße stürzte ein Mann mit seinem Fahrrade so unglücklich, dass er sich einen Bruch des Unterarmes zuzog. Er musste sich in ärztliche Behandlung begeben.‘ Unser Hans konstruiert einen ähnlichen Bericht: ‚Als eine Frau ein Fenster putzte, fiel sie aus demselben.‘ Ich ergänze: ‚Die Verletzungen waren indessen leichter Art, da es sich um ein Kellerfenster handelte.‘ —

Als wir eine Weile im Halbschlaf liegen, fragt einer der Jungens: ‚Wie spät ist es?‘ Meine Frau sieht nach der Uhr. ‚O Gott, es ist schon ½2.‘ Schnell raus und angezogen! Geschossen wird noch nicht. Als wir eine Weile im Zimmer sitzen, sieht unser Ältester von ungefähr auf die Uhr und stellt fest, dass es erst ¾12 ist. Wir verglichen mit den Taschenuhren. Es stimmt.

Meine Frau stopft jetzt Strümpfe, die Jungens lösen Kreuzwort- und Silbenrätsel. Ich gehe angezogen wieder ins Bett. Kurz nach ½2 Uhr meldet das Schießen der Flak und das Signal der Sirenen, dass der Feind im Anfluge ist.

In dieser Nacht empfinden wir das Knattern und die Erschütterungen nicht annähernd so heftig wie bisher. Ich verbringe den Angriff abwechselnd in den Treppenhäusern, in den Wohnungen und im Schutzraum, in dem übrigens, wie meine Frau errechnet, 13 Menschen anwesend sind. Hoffentlich zählen die anderen nicht auch einmal nach. Solche Kleinigkeiten wirken sich manchmal verheerend aus.

Nach der Entwarnung ist die Stimmung, wie jedesmal, gelöst, fast etwas ausgelassen. Ich gehe noch einmal durch das Haus, dann auf die Straße. In unserer Nähe brennt es nicht. Aber von der Altstadt treibt der Wind wieder endlose Rauchfahnen heran, die den Mond und die Sterne verdunkeln. Wir gehen ins Bett.

Morgens gegen 7 Uhr klingelt es. Wir ziehen uns notdürftig an und öffnen. Unser Gehilfe Schoknecht teilt uns mit, dass er in dieser Nacht obdachlos geworden ist. Wir erfahren weiter, dass die Petri- und die Jacobikirche ausbrannten, dass fast der Rest der Altstadt und große Teile der mittleren Stadt vom Feuer verzehrt wurden.

Schoknecht hat gestern seine Frau und seine 3-jährige Tochter zu Fuß nach Gnoien gebracht, etwa 50 km. Mit einem Wagen konnte er zurückkommen. Als er bei seinem Hause ankam, stand es in Flammen. Es gelang ihm, noch einige Betten heraus­zuholen. Er bittet mich nun, ihm unseren Handwagen für 2 bis 3 Tage zu borgen, damit er seine gerettete Habe mit Verwandten nach Gnoien bringen kann. Schweren Herzens schlage ich ihm dies ab. Was ihm heute geschah, kann uns morgen passieren, und dann müssen wir unsere eigenen Sachen irgendwohin bringen. In der folgenden Nacht verbrannte Schoknecht sein letztes Gut bei einem Nachbarn, wo er es untergestellt hatte.

Als die Schäden dieses 4. Angriffes bekannt werden, ist der weitaus größte Teil der Bevölkerung um den Rest der Fassung gekommen. Zehntausende sind obdachlos geworden, man spricht von 40.000 Menschen. Weitere Zehntausende begeben sich bei Einbruch der Dunkelheit mit der Eisenbahn, mit Kraftwagen in die Ortschaften um Rostock oder auf den Landstraßen mit Fahrrädern, Kinderwagen, Handwagen, Koffern und Taschen in die umliegenden Dörfer, Wälder, Gartenkolonien. Die öffentlichen Luftschutzkeller sind ab 9 Uhr überfüllt. Ganze Straßen, deren Häuser noch stehen, sind von den Bewohnern geräumt.

Vom Gauleiter ist eine Anordnung herausgekommen, derzufolge Kinder die Stadt verlassen müssen, Frauen sie verlassen dürfen. (Tatsächlich war es so, dass auch viele, vielleicht die meisten, Männer den Ort mindestens während der Nacht verließen). Ich teile meinen Jungens diese Anordnung mit. Sie sind indessen der Meinung, dass sie nach ihren 12 und 14 Jahren keine Kinder mehr sind, denn in der Straßenbahn, ein der Eisenbahn und im Kino müssen sie volle Preise bezahlen. Außerdem haben sie in der H.J. gelernt, dass die Ehre mehr sei als der Tod. Ob dies nur gesagt würde, weil es gut klänge, oder ob man auch danach leben solle.

Margot Flor besucht uns, um uns nach Kavelsdorf einzuladen. Etwas später kommt ihr Bruder Fritz, der mit seinem Wagen einige Bekannte von Rostock nach Kavelsdorf bringt.

Wir sind entschlossen, unser Haus zu halten. — Das Wasser läuft nun nicht mehr. Wir wissen aber, dass eine Brandbombe mit ein paar Händen voll Erde und einem Eimer Wasser zu löschen ist, wenn man rechtzeitig herangeht. — Wenn ein Kapitän und seine Mannschaft nicht mehr wert ist, als sein Schiff, solange dieses noch zu retten ist, ist unser Leben nicht mehr wert als unser Haus. Wenn unser Haus brennt, fallen vielleicht auch die [Nachbarhäuser? – Wort unsicher] den Flammen zum Opfer. Von den Soldaten verlangt man auch, dass sie ihre Stellungen halten. Dass wir auch hier an der Front stehen, ist seit 4 Tagen keine Phrase mehr.

Die nächsten Nächte und Tage.

In den kommenden Nächten war um die gewohnte Zeit wieder Alarm. Die Feindflieger wurden abgedrängt. Hätten sie ihre Bombenlast über Rostock abgeladen, wäre wohl der Rest der Stadt vernichtet worden. In den Häusern war weder genügend Wasser zum Löschen, noch waren genügend Menschen da, die gewillt und fähig gewesen wären, das Feuer zu bekämpfen. Die Feuerwehren, die von allen Teilen des Reiches von Güstrow, Hamburg, Berlin, Breslau u.s.w. — eingetroffen waren, hatten bei der Vielzahl der Brandstellen nur einen geringen Teil der Feuer löschen können. In der Nacht zum 26. April waren durch Funkenflug oder durch ungenügende Bekämpfung während der vorangegangenen Tage noch einige Brände entstanden, so auch in der Wismarschen Straße im Saalhaus von Weyers Hotel.

Das Unglück, das über unsere Stadt hereingebrochen ist, ist entsetzlich.

Vom Grünen Tor bis zum Petritor auf einer Strecke von etwa 1500 m stehen in dem Trümmerfeld nur noch einige bewohnbare Häuser und Häusergruppen. In diesen sind fast alle Fensterscheiben zertrümmert, die Dächer beschädigt. Der von der Stadtmauer umschlossene Stadtteil, vielleicht 1,5 qkm groß, ist zu 3 Vierteln vernichtet. (Die Londoner City ist 1 qkm groß)

Von den 4 großen Kirchen, die das Stadtbild beherrschten, steht nun noch die Marienkirche am neuen Markt. Hier stehen außer dem Rathaus noch 4 Häuser. Es sind weiter ausgebrannt oder gesprengt: Die Hauptpost, der Hauptbahnhof, das Stadttheater, 3 Lichtspielhäuser von 7 vorhandenen, 6 Schulen, das Polizeiamt, das Oberlandesgericht, das Amtsgericht, die Gebäude des Rostocker Anzeiger, die Kaufhäuser Tietz, Wertheim (jetzt Awag) und Ristow, die Medizinische Klinik, ein kleiner Teil der Chirurgischen Klinik, einige Bankgebäude und einige große, viele kleine Gaststätten, u.a. der ‚Wintergarten‘, die ‚Barlerma‘, die ‚Sonne‘, ferner das Elektrohaus. Die Steinstraße ist nicht mehr, in der Alexandrinenstraße steht nur etwa die Hälfte der Gebäude. Von den früher 100 Häusern der Friedrich-Franz-Straße steht nun nach etwa der dritte Teil.

Von den 5 alten Stadttoren blieb nur das Kröpeliner Tor unversehrt. Diese Aufzählung ist immer noch unvollkommen. Unsere Straße mit ihren 13 Häusern kann man jetzt als eine wohlerhaltene Straße ansprechen. In den Randbezirken der Stadt sind die Zerstörungen nicht so vollkommen; aber auch hier liegen ganze Straßenzüge in Schutt, sind überall Trümmerhaufen. Häuser, die nicht wenigstens einige zersprungene Fensterscheiben oder beschädigte Dächer haben, gibt es kaum in unserer Stadt. Die Umgebung ist von Flüchtlingen und Obdachlosen überschwemmt; in Doberan sind über 2200, in Kühlungsborn und Tessin je 1700 Rostocker untergebracht. In den Dörfern sind oft mehr Flüchtlinge als Einheimische.

Soweit durch Organisation die Schäden gemildert werden konnten, ist dies gelungen. Die Versorgung mit Licht und Kraft ist trotz der heftigen Bombardements nur für kurze Zeit unterbrochen worden, ebenfalls die Versorgung mit Wasser. Lebensmittel waren immer ausreichend vorhanden. Die Obdachlosen und Flüchtlinge wurden schnell weiterbefördert. An den Aufnahmeorten wurde großzügig für die Evakuierten gesorgt. Feuerwehr, R.L.D., Militär wurde wirksam eingesetzt, desgleichen Sanitätsdienst und Polizei. Die Angehörigen der H.J. haben als Melder Großartiges geleistet. Fünf von ihnen wurden während des Dienstes von Bombensplittern oder einstürzenden Häusern getötet, so auch ein Klassenkamerad unseres Hans.

Jetzt, am 3. Mai, ist die Rückwanderung im vollen Gange. Die große Schwierigkeit wird sein, die vielen obdachlos gewordenen Menschen unterzubringen. Jetzt steht uns allen eine seelische Belastung bevor, die möglicherweise größer sein wird, als die Schrecken der vier Katastrophennächte. An ein Unglück von ähnlichem Ausmaß ist in unserer Stadt wohl kaum zu denken. Eine Unzahl Flakbatterien wurde herangezogen, ferner Scheinwerferbatterien, und Sturm… mit Flakgeschützen. Rings um Rostock werden nachts Sperrballone hochgelassen. Auf Fehmarn sollen Nachtjäger eingesetzt sein. Die Nächte werden immer heller und bieten Gewähr, daß ein weiterer Großangriff auf unsere Stadt vor Ende Juli kaum wieder erfolgen kann.

Der fünfte Angriff.

Und doch gelingt den britischen Bombern ein weiterer Angriff auf unsere gepeinigte Stadt in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai. Bereits um 1 Uhr eröffnet die Flak ihre ersten Warnschüsse.

Im Laufe des vergangenen Tages wurden in unserer Straße einige Häusermauern von R.L.D. umgelegt. Dabei wurden Stromleitungen beseitigt, sodaß wir am Abend ohne Licht waren. Wir gingen zeitig schlafen und nahmen es mit den Verdunkelungsmaßnahmen nicht so genau. Auch unsere Kleidungsstücke legten wir nicht so griffbereit wie sonst.—

Als das Schießen der Flak uns weckt, sind wir erst ganz verstört. Die Jungen können ihr Zeug nicht gleich finden. Meine Frau sitzt wie abwesend auf der Bettkante und muß sich erst sammeln. Ich verdunkle die Fenster. Wir sind noch garnicht fertig mit dem Anziehen, als die ersten Flugzeuge über uns hinwegfliegen. Die Abschüsse der schweren Flak sind so laut und so häufig, daß sie nicht von den Einschlägen der Sprengbomben unterschieden werden können.

Die nächtliche Himmelsschlacht bietet nicht das bisher gewohnte Bild. Die Dunkelheit ist von zahllosen unbekannten Bändern der Scheinwerfer zerteilt. Hin und wieder sehe ich im Schnittpunkt mehrerer Leuchtkegel ein Flugzeug. Es macht einen harmlosen Eindruck, wie ein silbern glänzendes Insekt. Das blutige Rot der Brände fehlt heute fast ganz. Nur in der Gegend des Bahnhofes wütet ein Feuer. Am westlichen Horizont flammt plötzlich weiße, blendende Helle auf, die sich verhältnismäßig schnell verliert. Wie ich später erfahre, ist hier eine Vickers-Wellington in den Gärten der Detharding Straße niedergegangen. Das Benzin der zerbrochenen Tanks spritzt gegen die Häuser und flammt hell auf. Das Feuer kann bald gelöscht werden. Ein Mann der Besatzung konnte sich aus dem brennenden Flugzeug retten.

Der Angriff dauert 2 Stunden, aber er erweckt den Eindruck, dass er nicht annähernd so planmäßig verlief wie die vier vorangehenden.

Am Morgen erfahren wir dann Näheres. Erst heißt es: 11 Gegner sind abgeschossen, dann 15, schließlich 18; davon sind 14 über Rostock oder in seiner Nähe niedergegangen. Am nächsten Tag lautet das Ergebnis: 19 Abschüsse. 70–80 Mann der Besatzungen sind tot, 4 gefangengenommen. Den Hauptanteil an den Abschüssen hat die Flak, die in dieser Nacht einzigartig gekämpft hat und leider auch Verluste an Toten und Verwundeten hat. Wir haben den Eindruck, dass dieses Mal der größere Erfolg auf Seiten der Verteidigung war, indem ein Drittel der Angreifer vernichtet wurde, also im Durchschnitt alle 6 Minuten ein Gegner.

Allerdings ist auch dieser Kampf um Rostock nicht ohne Ruinen vorübergegangen. Die Zahl der Trümmerstätten wurde um einige vermehrt. Der Ufapalast, der heute seine Vorstellungen wieder beginnen wollte und als einziges Haus in der Breiten Straße noch steht, ist von Bombensplittern arg beschädigt. Der Hauptbahnhof ist getroffen und eine Reihe von Wohnhäusern. Auch Warnemünde hat dieses Mal einige Häuser durch Brand- und Sprengbomben verloren, so u. a. 2 Hotels, Bahnhofsgebäude und die „Fischereiwitterung(?)“.

Am Sonntagnachmittag machen wir vier mit meinem Bruder, der für einen Tag zu Besuch gekommen ist, einen Spaziergang in die Barnstorfer Anlagen, um die Reste einer viermotorigen amerikanischen Halifax-Maschine anzusehen. Bei dem schrägen Absturz hat das Flugzeug buchstäblich eine Schneise in den Wald geschnitten. Viertelmeterdicke Stämme sind zersplittert und geknickt wie Stäbchen. Die 6 toten Flieger wurden bald nach dem Absturz fortgetragen. In dem Gewirr der Trümmer liegen angesengte Fallschirme, angebrannte Kleidungsstücke. Unter einem Motor liegt ein nackter, abgerissener Fuß eines Mitgliedes der Besatzung. Schwarz-weiß-rot bedruckte Flugblätter sind umhergestreut, auf denen man die Schlagzeilen, Coventry und Lübeck erkennen kann.

Auf einer Stelle liegen 3 Gewehrläufe und viel M.G.-Munition. Woanders sind Sauerstoffflaschen und Bomben kleinen Kalibers, die ihren Zweck nicht mehr erfüllten. Die Rostocker sehen sich diesen Trümmerhaufen mit Genugtuung und mit Interesse an. Unsere Jungens unterhalten sich mit Heinkel-Monteuren sachkundig über die Vor- und Nachteile der feindlichen Maschinen.

Nach bisherigen, keinesfalls ganz zuverlässigen, immerhin von Dienststellen inspirierten Mitteilungen war die Zahl der Obdachlosen zeitweilig 60.000. — Ich schätzte 40.000. — Die Sach- und Gebäudeschäden betragen 4 Milliarden.

Mir erscheint auch diese Zahl ziemlich hoch. Die Zahl der Toten ist verhältnismäßig gering und beträgt etwa 200. Hierzu mögen noch einige bisher Vermisste kommen, die noch irgendwo unter den Trümmern der Häuser liegen.

Außer Rostock wurden einige der umliegenden Dörfer betroffen: Roggentin, das fast ganz eingeäschert wurde, Kessin, Bentwisch, Rieckdahl, Wilsen, Schmarl, Gutshof Dierkow. —

Der Verlauf des 5. Angriffs gibt uns die Überzeugung, dass wir der Willkür des Gegners doch nicht wehrlos ausgeliefert sind, wie es 4 Nächte lang den Anschein hatte. Wir sehen der Zukunft wieder mit Gelassenheit und Zuversicht entgegen.

Die Handlung springt jetzt ans Kriegsende und auch die Handschrift ändert sich. Noch habe ich nicht herausgefunden, wessen Schrift es ist. Ich vermute, es ist die neue Schrift meiner Großmutter. Sie hatte irgendwo eine Legende abgeheftet zu ihrer älteren Schrift im Vergleich zu ihrer neueren. Für mich sind beide nicht leicht zu lesen.

Tag 19 – 19. August 2026: Gamification

Es ist immer wieder kurios, woran die KI-Modelle scheitern – egal ob Claude oder ChatGPT. Manche Passagen, die ich gut lesen kann, überfordern sie total, bei anderen ist es umgekehrt. Manchmal frage ich mich, ob ich jetzt nicht lieber ganz ohne KI transkribieren sollte? Aber dann … freue ich mich doch über die kleine Hilfe, denn manches kann sie ja doch besser erkennen als ich.

Vielleicht ist das auch wieder so eine kleine Überraschung: Wie viel kann die KI diesmal erkennen?

Tag 20 – 20. August 2026: Weiter per Hand?

Bisher war ich bei 10 Seiten pro Tag, das war heute nicht drin. Gestern auch nicht. 7 Seiten, mehr war nicht drin. Aber so viel ist auch gar nicht mehr zu tun für diesen Monat. Heute habe ich übrigens zwei Seiten wieder ohne KI transkribiert, die Schrift, in der meine Großmutter momentan schreibt, ist ganz gut lesbar. Warum habe ich das gemacht? Komischerweise hat Claude so viel fehlinterpretiert, dass das manuelle Anpassen für mich mühsamer war als das selbst schreiben.

Schade nur, ich vermisse die Kommentar von Claude dazu. Er interpretiert die Ereignisse manchmal, das mag ich ganz gern. Aber ich könnte auch mal wieder ChatGPT probieren. Vielleicht performt er bei dieser Schrift besser.

Tag 21 – 21. August 2026: Russische Panzer rollen über den Doberaner Platz

Heute und morgen gibt mein Zeitbudget keine 10 transkribierten Seiten her. Aber ich habe gut vorgearbeitet und kann es mir erlauben, etwas kürzer zu treten. Viele Seiten enthält der Ordner nicht mehr. Aber ich bin natürlich sehr gespannt, wie es weiter geht, deshalb bedaure ich es schon etwas, nicht so gut voranzukommen wie im bisherigen Monat.

Aktuell beschreibt meine Großmutter die letzten Tage vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Trecks in Richtung Westen. Das organisatorische Chaos. Und letztendlich den Moment, in dem russische Panzer über den Doberaner Platz fuhren und weiter in die Doberaner Straße.

Allerdings entnehme ich den Aufzeichnungen auch, dass meine Großmutter diesen Teil rückblickend schreibt, nicht direkt während dieser Zeit. Denn sie schreibt von den Schiffen mit Flüchtlingen, von denen mehrere untergegangen sind und Jahre später gehoben wurden. Also schreibt sie auch erst mehrere Jahre später.

Heute habe ich fürs Transkribieren mal wieder ChatGPT genutzt. Das hat ganz gut funktioniert, ich musste wesentlich weniger nacharbeiten als in den letzten Tagen mit Claude.

Tag 22 – 22. August 2026: Versteck auf dem Dachboden

Meine Großmutter hatte sich mit ihrer Tochter und zwei anderen Frauen für eine Woche auf einem Dachboden versteckt, den man nur über ein Dach erreichen kann. Dadurch ist Ihnen wohl einiges erspart geblieben. Unser Haus war „nur“ durchsucht und geplündert worden, aber man war auch auf der Suche nach Frauen, und die wurden dort ja glücklicherweise nicht gefunden.

Erst hinterher erfuhren sie, was in dieser Zeit Entsetzliches passiert war. Eine entfernte Verwandte kam völlig aufgelöst zu ihr und schilderte, dass sie ihre Familie in ihrem Wohnzimmer erhängt vorgefunden hat. Die beiden Teenager-Töchter waren vergewaltigt worden und anschließend hatte sich die Familie das Leben genommen. Ich wusste das und kenne auch das Grab, es ist ganz in der Nähe unserer Familien-Grabstelle.

Tag 23 – 23. August 2026: Endlich Klarheit …

Inzwischen weiß ich, dass meine Großmutter während des Krieges doch Tageaufzeichnungen gemacht hat. Sie hat sie aber teilweise auf Zettel geschrieben, nicht in ein Buch. Was ja eigentlich auch nachvollziehbar ist. Ihr erstes Buch war voll, und sie hat vielleicht keine Notwendigkeit gesehen, ein weiteres anzulegen. Und wenn doch – vielleicht hat im Krieg keins bekommen? Wie auch immer, sie hat die erschütternden Ereignisse bis 1946 auf Zetteln festgehalten. Erst später, im Jahr 1953, hat sie ihre Aufzeichnungen in ein Buch übertragen. Das erklärt, warum sie zwar die Geschehnisse so schildert, als wären sie gerade erst passiert, gleichzeitig aber hin und wieder einen Rückblick eingefügt.

Zwischen 1946 und 1953 hat sie keine Aufzeichnungen gemacht, die acht Jahre dazwischen hat meine Großmutter aus der Erinnerung geschildert.

Ich habe nur noch wenige Seiten zu transkribieren. Dabei hat der August noch eine Woche. Was mache ich dann? Freue ich mich darüber, dass ich mein Ziel erreicht habe oder mache ich weiter?

Tag 24 – 24. August 2026: Die letzten Seiten – Monatsziel erreicht!

Nun hatte ich sogar noch weniger zu tun als erwartet, da von den wenigen Seiten auch noch zwei doppelt waren.

Meine Großmutter berichtet darüber, wie schwierig die ersten Jahre nach dem Krieg waren, wo es vor allem darum ging, Essen und Brennmaterial zu besorgen. Sie hatte ja nicht nur die eigene Familie zu versorgen, sondern, zumindest mittags, auch die Angestellten des Handwerksbetriebs.

Ein wenig überraschend las ich ganz zum Schluss, dass sich mein Großvater schweren Herzens entschlossen hat, seinen Betrieb zu schließen und sich ab sofort seiner künstlerischen Haupttätigkeit zu widmen. Das war im April 1953. Darüber will sie im nächsten Buch mehr berichten.

Ich wusste natürlich, dass mein Großvater seinen Betrieb irgendwann geschlossen hatte und Kunstmaler wurde, ich hätte aber angenommen, es wäre später gewesen. Ich weiß, dass die Rostocker Werften später ein wichtiger Auftraggeber meines Großvaters waren und dass er mit seinen Bildern viele Schiffe ausgestattet hat. Darüber könnte ich demnächst also mehr erfahren.

Für heute freue ich mich, dass ich mein Ziel erreicht habe. Und morgen? Sollte ich die freie Zeit bis zum Monatsende genießen? Das werde ich morgen entscheiden.

Tag 25 – 25. August 2026: Wie geht es weiter?

Erst einmal habe ich mir einen Überblick verschafft über die weiteren Aufzeichnungen meiner Großmutter.

Es gibt noch zwei weitere Ordner, beide prall gefüllt. Auf jeder Din A4-Seite befindet sich die Kopie einer Tagebuch-Doppelseite. Jeder Ordner enthält jeweils ungefähr 350 Tagebuchseiten.

Ein Ordner umfasst die Jahre 1953 bis 1559, der zweite beginnt im Jahr 1959.

Wenn ich täglich weiterhin 10 Seiten transkribiere, brauche ich also noch 70 Tage. Das schaffe ich natürlich nicht.

Ich lasse mich selbst davon überraschen, wie und wann ich weitermache, wenn dieser Monat vorbei ist.

Was mir schon mal aufgefallen ist: Der Ordner mit den Aufzeichnungen ab 1959 ist so leserlich geschrieben, dass es mir wesentlich leichter fallen wird, ihn zu transkribieren. Das sind doch super Aussichten …

Fazit: Was nehme ich aus meiner August-Challenge mit?

Wird Ende August ergänzt.

Über mich

Astrid Engel

Hey, ich bin Astrid. Auf meinem Blog dreht sich alles um Struktur, Planung, Zeitmanagement und Organisation für Scannerpersönlichkeiten, Multitalente, Multipotentialite und kreative Chaoten. Nenne uns, wie du willst – für mich sind wir einfach „Scanner“.

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2 Kommentare

  1. Sandra Schneider

    Hallo Astrid, ich finde dieses Projekt unglaublich mutig. Ich könnte mir vorstellen, dass Bilder in einem entstehen, die man eigentlich gar nicht sehen möchte. Wir haben noch sehr nahe Verwandtschaft mit 97 und 92 Jahren, die sich trotz starker Altersdemenz noch gut an die schlimme Zeit erinnern und erzählen oft davon. Schon oft dachte ich, man hätte die Berichte alle aufschreiben müssen. Mich wühlen die Erzählungen emotional immer sehr auf. Hast du auch Fotos aus der damaligen Zeit?

    Antworten
    • Astrid Engel

      Hallo Sandra,
      das ist tatsächlich sehr emotional, gerade weil ich ja alle beschriebenen Orte sehr gut kenne und natürlich auch das Haus meiner Großeltern, das die Bombenangriffe tatsächlich überstanden hat. Ich weiß ja, wo es viele Jahre lang Baulücken gab, und nun habe ich eine sehr anschauliche Vorstellung davon, wie sie entstanden sind.
      Mein Großvater hat ja in diesen Tagen auch fotografiert, ich muss mal nachforschen, ob es noch die Fotos gibt. Der Nachlass ist riesig …
      Liebe Grüße
      Astrid

      Antworten

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