Zwischen 50 und 60: Über Job, Technik, Vorurteile – und wie ich diese Zeit erlebe

Astrid Engel

Dieser Beitrag ist im Rahmen einer Blogparade entstanden. Meine Bloggerkollegin Mia Brunner hat die Frage gestellt: Wofür sind Frauen ab 50 noch gut? Meine Antwort: Zu allem, was sich für uns selbst gut und passend anfühlt.

Es gibt Sätze, die mir nie über die Lippen kommen würden: „Ich bin zu alt für …“, ist einer dieser Sätze. Damit meine ich nicht, dass ich heute alles machen möchte, woran ich mit 20 oder 30 Spaß gehabt hätte – schließlich haben sich seitdem auch meine Interessen geändert. Doch ich achte heute kaum noch darauf, was als „alterstypisch“ gilt. Was ich selbst für richtig halte, ziehe ich inzwischen auch durch.

Wo wir schon beim Thema wären.

Wozu also sind Frauen ab 50 noch gut?

Ich bin Anfang des Jahres 60 geworden. Ich kann also seit genau 10 Jahren beurteilen, was mit über 50 für mich geht und was nicht. Und ich kann – Stand heute – nur sagen: Nicht weniger, als auch schon vor 10, 20, 25 Jahren. Nur etwas anders, da Gelassenheit und Lebenserfahrung dazu kommen.

Gelegentlich stelle ich mir die Frage, wie sich das Alter bei mir auswirkt und was sich bei mir in den letzten Jahren verändert hat – mal abgesehen von solchen Dingen wie Falten und zunehmender Weitsichtigkeit. Aktuell stelle ich Folgendes fest:

  • Ich bin keine Schnelldenkerin, ich schreibe lieber, als dass ich rede. Aber das war schon so, als ich 30 war. Damals hatte ich mir über meine „lange Leitung“ noch Sorgen gemacht. Als ich irgendwann darüber las, dass es Veranlagung ist, wie schnell man denkt, war ich sehr glücklich. Heute akzeptiere ich es einfach.
  • Neue Dinge zu lernen, hat mich schon immer begeistert. Ich stürze mich gern in neue Themen – das war mit 15, 20, 30 Jahren genauso wie jetzt, mit 60. Ich kann mir Wissen sehr gut autodidaktisch aneignen – damals wie heute gleichermaßen.
  • Ich habe schon immer gern gearbeitet, war immer sehr engagiert in meinen Jobs und mit Herzblut dabei. Das bin ich auch heute noch. Mein Motto: Erst die Arbeit, dann noch ein Vergnügen 😉 Doch heute ist der Zeitgeist ein anderer. Work-Life-Balance wird großgeschrieben, der Job steht nicht mehr so im Vordergrund. Dem versuche ich mich inzwischen auch etwas anzupassen, bin im Herzen aber immer noch ein „Workoholic“. Ich fühle mich immer noch am wohlsten, wenn ich so richtig lospowern kann.
  • Sport war mir schon immer sehr wichtig und ich habe mir dafür immer Zeit freigeschaufelt, egal wie voll mein Terminkalender war. Heute bin ich in der besten Kondition meines Lebens, was ich wahrscheinlich meinem Kettlebell-Training zu verdanken habe. Wenn ich meine 40-jährigen Kollegen darüber klagen höre, was bei ihnen alles ziept, knackt, schmerzt (und bei mir nicht) habe ich wohl einiges richtig gemacht.

Ich selbst traue mir sehr vieles zu und denke nicht daran, mich zur Ruhe zu setzen. Doch das ist meine Sicht. Wie sieht es mein Umfeld?

Mit 60 im Beruf – wie ich es empfinde

Bisher wusste ich selbst nicht immer auf Anhieb, wie alt ich bin. Es war mir einfach nicht wichtig. Doch ein 60. Geburtstag lässt sich nicht ignorieren. Aufmerksame Kolleg:innen beginnen, im erweiterten Kollegenkreis für ein Geschenk zu sammeln und allerspätestens über Facebook wird die Message auch unter Freunden, Bekannten und im Sportteam verbreitet. Wie jetzt, 60, du? Nee, oder? Ist aber so. Richtig glauben konnte ich es ja selbst nicht.

Das Geschenk meiner Kolleg:innen zu meinem 60. Geburtstag

Ich weiß nicht, ob ich es mir einbilde oder nicht – aber irgendwas ist seit meinem 60. Geburtstag anders. Liegt es nur an meiner eigenen Erkenntnis, dass sich mein Berufsleben dem Ende zuneigt oder werde ich auch von meinem Umfeld anders behandelt?

Niemand hat mir bisher zu verstehen gegeben, dass ich nicht mehr gut genug wäre oder weniger „dazugehören“ würde. Und doch: Ich nehme anders wahr als früher, wie über Kolleg:innen geredet wird, die in wenigen Monaten in Rente gehen. Mir fällt auf, wie über ältere Menschen allgemein gesprochen wird. Ich denke dann: Hey, du sprichst über mich, meine Generation … und wahrscheinlich habe ich bis vor kurzem ähnlich gedankenlose Bemerkungen gemacht.

Kürzlich hatte ich ein paar Tage Urlaub, ohne zu verreisen, und dachte: So ist das also in ein paar Jahren … auch nicht so schlecht 😉

Im Zusammenhang mit einem unserer vielfältigen Digitalisierungsprojekte sagte kürzlich ein gleichaltriger Kollege: „In meinem Alter ist das nichts mehr für mich“ – und sah mich dabei erwartungsvoll an. Das ist übrigens auch einer der Sätze, den man wohl nie von mir zu hören bekommt.

Wie ich es mit der Technik halte

Wenn ich irgendetwas „mit der Technik“ nicht kann oder nicht weiß, liegt das nicht daran, dass ich zu alt dafür wäre, sondern dass es mir noch nicht wichtig genug war. Oder dass ich mir noch nicht die Zeit dafür genommen habe. Ich weiß aber, wie ich mir das Know-How schnell aneignen kann, sobald ich es benötige. Habe ich schon 1.000-mal gemacht und es ist heute leichter denn je. Damit meine ich natürlich die IT-Technik auf Anwenderseite. Mir ist schon klar, dass ich nicht auf einmal programmieren oder unsere Systemadministratorin ersetzen könnte.

In meinem beruflichen Umfeld erlebe ich, dass es bei der Technik-Kompetenz kein klares Altersgefälle gibt im Sinne von „jung = technisch versiert“ versus „alt = technische Niete“. Das Gegenteil ist der Fall: Ich habe auch wesentlich jüngere Kolleg:innen in meinem erweiterten beruflichen Umfeld, die sich nur schwer auf neue Programme, Prozesse, Abläufe einstellen können und es vielleicht auch nicht wollen. Viele ältere Kolleg:innen überraschen uns hingegen damit, wie unerwartet schnell sie sich in die neuen Prozesse eingearbeitet haben. Allerdings:

Das Vorurteil bleibt. Und wir tragen dazu bei.

Auch wenn ich selbst immer wieder beobachte, wie wenig wahr das Klischee von der technischen Inkompetenz meiner Generation ist – das Vorurteil hält sich hartnäckig. Und ganz ehrlich, ein wenig tragen wir auch selbst dazu bei. Denn:

Wenn wir immer wieder betonen, dass wir ja wegen unseres Alters nicht mit der neuen Technik umgehen können, hören es auch unsere Kinder und Enkelkinder. Und sie nehmen uns beim Wort. Warum auch nicht?

Unsere Kinder und Enkelkinder erwähnen es in ihrem eigenen Freundeskreis und hören vielleicht von ihren Freunden, dass es bei deren Eltern und Großeltern auch so ist. So konditioniert, finden sie immer wieder neue „Beweise“ für die angebliche technische Inkompetenz unserer Generation. Und wir wundern uns dann, wenn unser neuer junger Chef auch so denkt …

„Technik kann ich nicht“ – eine selbsterfüllende Prophezeiung?

Wenn du glaubst, dass du nur wegen deines Alters „Technik nicht kannst“, wird es auch so bleiben. Schließlich lässt sich dein Alter nun einmal nicht ändern. Das nennt man dann eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Aber: Du könntest es lernen. Das ist heute leichter denn je, denn du findest für nahezu jedes Problem ein Tutorial oder eine Community im Internet, mit Menschen, die dich unterstützen oder einen passenden Onlinekurs.

Wenn du nicht dazu bereit bist, dich in dieser Hinsicht weiterzuentwickeln, dann ist das natürlich auch in Ordnung. Nicht jeder muss Spaß an Computer und Internet haben. Doch dann wäre es nett, das auch so zu sagen und nicht ein bestimmtes Alter dafür verantwortlich zu machen.

Meine 5 wichtigsten Erkenntnisse aus der Zeit 50+

Wenn ich auf meine letzten 10 Jahre zurückblicke, habe ich folgende Erkenntnisse aus dieser Zeit gewonnen, die ich hier als Empfehlungen an dich weitergeben möchte:

  1. Nimm dein Alter nicht so wichtig. Es ist nur eine Zahl, mehr nicht.
  2. Suche dir positive Vorbilder, die schon etwas älter sind als du und ein Leben führen, das auch du dir vorstellen könntest. Das kann dir eventuelle Ängste vor dem Älterwerden nehmen. Mehr dazu kannst du in meinem Blogartikel „Warum ältere Rolemodels für mich so wichtig sind – für dich auch?“ nachlesen.
  3. Wenn du bisher keinen oder nur wenig Sport gemacht hast, lege jetzt damit los. Es ist noch alles drin. Glaub mir, es macht einen Unterschied, ob du trainiert bist oder nicht. Suche dir eine Sportart, die dir Spaß macht. Bei mir sind es die Kettlebells, bei dir ist es vielleicht Yoga, Tennis, Nordic Walking oder Hoola-Hoop. Später darf dich dein Training auch etwas fordern. Wie du den richtigen Anfang findest, kannst du hier nachlesen.
  4. Wenn du dich in deinem unmittelbaren Umfeld unverstanden oder nicht wertgeschätzt fühlst, vernetze dich mit Gleichgesinnten im Internet. Dort sind viel mehr „Best Agerinnen“ aktiv als du dir jetzt wahrscheinlich vorstellen kannst.
  5. Gibt es Dinge in deinem Leben, die du ändern oder noch erreichen möchtest? Dann schiebe deine Pläne nicht mehr weiter auf, denn soooo viel Zeit bleibt ja nicht mehr. Und wenn du nur einen ganz kleinen ersten Schritt unternimmst – fang JETZT an!

Wie sind deine Erfahrungen mit der Phase ab 50? Schreib mir doch mal in das Kommentarfeld, wie es dir in dieser Zeit geht.

3 Kommentare

  1. Ein herrlicher Beitrag, liebe Astrid! Beim Lesen habe ich innerlich immer wieder „ja, genau!“ geschrieen, ich sehe es genauso wie Du. Ich hatte mal einen Kollegen, der Stand in den Jahren vor der Rente ständig an meinem Schreibtisch mit dem Satz: „Nur noch x Monate/Wochen, bis zur Rente“ und ich frage mich bis heute, warum er das getan hat. War die Arbeit soooo schlimm, dass man die Rente so sehnsüchtig erwartet? Ich muss jedes Mal überlegen, wenn man mich nach meinem Alter fragt. Mein Vater hat mit 80 noch gearbeitet und ich möchte auch eine Arbeit haben, von der ich bitte nicht in Rente gehen „muss“. Gemerkt, dass ich älter bin habe ich daran, dass ich zu einer Kollegin mal sagte: „Als ich in deinem Alter war…“ 😉 Schlimm finde ich das trotzdem nicht. Aber so Sätze wie „In meinem Alter ist das nichts mehr für mich.“ wird man aus meinem Mund nicht hören, weil ich finde, dass vieles nichts mit dem Alter zu tun hat. Iris Apfel ist weit über 90, die Queen war es ebenfalls. Die eine lernt WhatsApp mit 80, meine Eltern verweigern sich konsequent und halten den Glauben aufrecht, dass das alles Mist ist. Schrecklich. Wer etwas nicht lernen will, findet immer eine Ausrede – notfalls muss eben das Alter herhalten. Es gibt 30jährige, die im Kopf so alt sind, wie ich es gar nicht mehr werden kann und es gibt 90jährige, die herrlich offen, neugierig und geistig (und körperlich) beweglich sind. Genau so stelle ich mir das vor. Das Alter ist mir dabei wurscht. Das mit der Work-Life-Balance sehe ich übrigens genauso.

    Danke übrigens auch für Deinen Kommentar zu „1 Million“ 🙂

    Liebe Grüße, Marita

    1. Liebe Marita,
      wow, so ein toller Kommentar 🙂 🙂 🙂
      In meiner Familie habe ich glücklicherweise genug „Rolemodels“ (da sind sie wieder …), die bis ins hohe Alter ihren beruflichen Leidenschaften gefolgt sind und immer wieder neue Dinge gelernt haben. Meine Eltern, meine Großeltern …
      Deshalb kenne ich es gar nicht anders.
      Meine Mutter hat noch mit Ende 70 gelernt, mit dem PC umzugehen und als wir ihr dann zu ihrem 80. Geburtstag einen neuen Laptop geschenkt hatten, befasste sie sich mit Photoshop und war täglich im Internet. Und mein Großvater war Kunstmaler und arbeitete mit weit über 80 Jahren noch täglich in seinem Atelier. Ich sehe schon, ich muss meinen Rolemodel-Beitrag noch ergänzen. Es gibt so viele Menschen, deren Leben ich spannend (und für mich normal) finde 🙂

      Liebe Grüße
      Astrid

      1. Wow! So tolle Geschichten – großartig. Da wäre er wieder, der Beweis, dass wir entscheiden, was möglich ist und was nicht. Ich denke immer in Möglichkeiten und es fühlt sich wunderbar an, wenn man wieder ein neues Feld erobert hat.

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