Was ist Flow? Meine persönlichen Erfahrungen mit dem beflügelnden Arbeitsglück

Was ist Flow

Was ist Flow – hast du dir diese Frage mal gestellt? Die bekannteste Definition des Begriffs „Flow“ stammt von dem ungarischen Psychologen Mihály Csikszentmihalyi, der als Entdecker des Flow-Phänomens gilt. Der Autor hat den Flow in seinem Buch „Flow. Das Geheimnis des Glücks“ erstmals beschrieben. Danach ist der Flow der Zustand des Glücksgefühls, in den Menschen geraten, wenn sie gänzlich in einer Beschäftigung »aufgehen«. Wer im Flow ist, arbeitet über einen längeren Zeitraum höchst konzentriert, verschmilzt geradezu mit seiner Aufgabe und vergisst alles um sich herum. Hier sind meine persönlichen Erfahrungen mit dem Flow.

Die überdimensionale Wanduhr hing in meiner unmittelbaren Blickrichtung. Ich hatte keine Chance, sie zu ignorieren. Man hätte denken können, sie wäre stehengeblieben, so langsam bewegte sich der große Zeiger. Vor mir stand eine Holzkiste, ungefähr 1 Meter lang, breit und hoch, bis oben gefüllt mit schweren, öligen Zahnrädern aus Stahl. Die sollte ich mit einer Feile entgraten.

Das war der Tag, an dem ich für die Arbeitswelt verloren war. Zumindest für den Schiffbau in Rostock und die Arbeit in der Produktion. Ich muss 13 Jahre alt gewesen sein und hatte „PA“, einen Unterrichtstag in der Produktion. Eigentlich eine gute Sache, wenn man nicht mit so fürchterlich langweiligen Aufgaben verschreckt würde. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, dass Arbeit auch mal Spaß machen könnte. Erwachsen zu werden war für mich damals eine Horrorvorstellung, weil ich es von da an immer mit dieser schrecklich langweiligen Zahnradentgratung verband. Damals dauerte ein PA-Schultag nur 4 Stunden, wie soll man sowas täglich aushalten, bis zur Rente?

Ich hatte gerade erfahren, was Flow NICHT ist

Damals durfte ich die Erfahrung machen, was Flow nicht ist. Mit dem Wissen von heute hätte ich aus der unangenehmen Aufgabe vielleicht eine Self-Challenge gemacht, um mir die Arbeit erträglich zu gestalten. Ich hätte wahrscheinlich die Zeit gemessen, die ich für ein Zahnrad benötige und dann versucht, diese Zeit zu unterbieten. Oder ich hätte versucht, in einer bestimmten Zeit eine bestimmte Anzahl von Zahnrädern zu entgraten. Vielleicht hätte ich auf diese Weise sogar ein wenig Spaß an der Aufgabe entwickelt, und vielleicht wäre ich dabei sogar in einen Flow-Zustand geraten.

Damals war ich jedoch so frustriert, dass ich noch nicht einmal auf diese naheliegenden Techniken kam. Die Erfahrung war so traumatisch, dass ich mich noch heute ungern daran erinnere. Und diese „PA“-Tage gab es – soweit ich mich erinnere – alle zwei Wochen.

Heute fallen mir so viele Möglichkeiten ein, wie Lehrer mein Interesse an dieser Arbeit hätten wecken können. Denn ich bin handwerklich geschickt und nicht unbedingt die geborene „Schreibtischtäterin“. Glücklicherweise waren meine Eltern wesentlich geschickter darin, mich zu motivieren und mich in fast allem zu unterstützen, was mich interessierte. Fast – denn leider fanden sie damals mein Judo-Training nicht so toll – doch das ist eine andere Geschichte.

Was ist Flow? Dank meiner Eltern fand ich es heraus

Wer weiß, ob ich jemals erlebt hätte, wie sich der Flow anfühlt, wenn meinen Eltern meine persönliche Entwicklung und die Entfaltung meiner unterschiedlichen Interessen nicht so wichtig gewesen wären. Mein Vater war – wie ich heute weiß – der Prototyp einer Scannerpersönlichkeit. Dass er unglaublich viele Interessen hatte, wusste ich immer. Doch dass er sich insgeheim mit noch viel mehr Dingen intensiv befasst hat, erkannten wir erst, als wir nach seinem Tod seinen Nachlass ordneten.

Meine Mutter war ebenfalls vielseitig interessiert, war aber ganz besonders auf Malerei und Grafik focussiert und ging voll in ihrer Kunst auf. Beide versuchten immer, ihre Leidenschaften auch beruflich umzusetzen und waren entsprechend aufmerksam ihren Kindern gegenüber.

Meine ersten Erfahrungen mit dem Flow

Eine meiner Leidenschaften damals war das Nähen. Auch da war ich 13. Ich konnte damals stundenlang hinter der Nähmaschine verbringen und merkte nicht einmal, wie die Zeit verging. Meine Eltern bremsten mich auch nicht. Das Chaos, das ich beim Nähen in meiner Umgebung verbreitete – Stofffetzen, Fädchen, Stecknadeln, Staub – ertrugen sie. Und sie machten mich unter der Woche auch nur sehr dezent darauf aufmerksam, dass es doch schon spät sei und morgen ja Schule wäre …

In den Ferien nähte ich manchmal mehrere Tage fast ohne Unterbrechung. Wenn ich müde wurde, legte ich mich mal für paar Stunden schlafen, aber morgens ging es sofort wieder weiter. Schlaf, Essen, Trinken, Toilette – alles unwichtig. Auch daran kann ich mich heute noch gut erinnern – und auch daran, wie glücklich mich dieses Tun damals machte. Auch wenn ich in diesem Prozess immer mal knifflige Probleme zu lösen hatte: Etwa, wenn eine Naht misslungen war, ich mich verschnitten hatte oder ein Knopfloch zu groß geraten war. Aber die Problemlösung gehörte einfach dazu, zu meinem Flow-Erlebnis.

Astrid – das ist doch die, die gern arbeitet 😊

Später in meinem Leben durfte ich immer wieder die Erfahrung machen, wie sich die Arbeit im Flow anfühlt. Ich hatte auch mal Jobs, die nicht so toll waren – ohne Flow. Dort blieb ich dann auch nicht lange. Aber es ist mir immer wieder gelungen, die Perlen für mich zu finden: Aufgabengebiete mit Flow-Garantie. So ein Aufgabengebiet habe ich auch heute in meinem Angestelltenverhältnis.

In meinem Umfeld sorge ich immer wieder für Verwunderung, wenn ich mich positiv über meine Arbeit äußere. Ich gerate dann schnell in den Verdacht, mit meiner Freizeit nichts anfangen zu können. Doch wer mich ein wenig kennt, weiß natürlich, dass mir nichts ferner liegen könnte. Den ganzen Tag, von morgens bis abends ununterbrochen zu bloggen … höchstens mal unterbrochen durch eine Stunde Kettlebell-Training – ein Traum 😉

Aber Spaß beiseite. Auch diese Phase wird es in meinem Leben in einigen Jahren geben – und ich freue mich darauf. Aktuell verläuft mein Leben anders. Natürlich vermisse ich manchmal die Möglichkeit der freien Zeiteinteilung. Doch wenn ich an meine frühere Vollzeit-Selbstständigkeit zurückdenke, war mein Arbeitstag auch damals von Deadlines bestimmt. Die waren auch nicht willkürlich vorgegeben, sondern ergaben sich zwangsläufig aus den internen Abläufen bei meinen Kunden.

Ein Leben ohne Flow? Undenkbar für mich!

Wenn ich daran denke, welchen Frust ich bei vielen Mitmenschen heraushöre, wenn sie darüber sprechen, wie sie ihren Lebensunterhalt erwirtschaften, macht mich das traurig. Könnte es sein, dass sie das Leben führen, dass ich mir damals vor der riesigen Zahnradkiste so schrecklich vorgestellt hatte? Wie viel produktiver, glücklicher und erfüllender könnte das Leben dieser Menschen sein, wenn sie in ihrer Arbeit – so unangenehm sie manchmal auch sein mag – auch Flow-Erlebnisse hätten?

Wie sehr der Flow mein ganzes Leben bestimmt hat und wie er mich auch weiterhin leitet, ist mir erst heute bewusst. Nicht zuletzt durch die intensive Suche nach meinem persönlichen Claim – einer Challenge, der ich mich gemeinsam mit den anderen Bloggerinnen aus TheContentSociety in den vergangenen Wochen gestellt habe. Schon heute weiß ich, dass der „Flow“ das zentrale Thema meines neuen Claims sein wird, der in den nächsten Tagen auf der Startseite meines Blogs erscheinen wird.

Welche Erfahrung machst du mit dem Flow? Nimmst du ihn bewusst wahr? Erlebst du ihn in deiner Arbeit? Schreibe es mir doch in das Kommentarfeld – ganz lieben Dank dafür.

Ein Kommentar

  1. Was für ein wunderbarer Beitrag und wunderbare Eltern, die Deine Interessen unterstützt und gefordert haben. Mir wurde beim Lesen bewusst, dass ich mich schon als Mädchen „gechallenged“ (schreibt man das so??) habe. Ich habe mir das Jonglieren beigebracht, Stricken sowieso und blind auf der Rechenmaschine herumzutippen. Und da wir ein Produktionsunternehmen hatte, gab es auch da genug Gelegenheiten, ähnlich des Entgratens. Beim Nähen ist es mir viele Jahre übrigens ähnlich gegangen wie Dir. Ich hab‘ irgendwann damit aufgehört, weil ich bis in die Nacht genäht habe. Schließlich will man die Sachen ja auch anziehen 😉

    Es gab in meinem Leben nur selten Arbeitsstellen, die ein Flow-ähnliches Lebensgefühl auslösten. Leider. Es wird mir einfach zu schnell langweilig. In den FLOW komme ich immer, wenn ich etwas Kreatives mache – nicht nur auf Papier. Schreiben bringt mich ziemlich schnell in den Flow und inspirierende Gespräche sowieso. Es gibt sicher noch mehr, aber mir fällt es gerade nicht ein.

    Toller Beitrag! Vielen Dank fürs Schreiben, liebe Astrid.
    Marita

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