Mit dem Rad nach Kopenhagen – so haben wir den Start der Tour de France erlebt

Die Tour de France startete im Jahr 2022 in Kopenhagen. Das ist von unserem Wohnort bei Rostock nur ca. 150 Rad-Kilometer entfernt – die beste Gelegenheit für uns, endlich mal für einen Tag live dabei zu sein. Wir, das sind mein Lebensgefährte Hannes und ich. Ob wir tatsächlich mit dem Rad nach Kopenhagen fahren oder doch das Auto nehmen würden, wollten wir vom Wetter abhängig machen – und das sollte laut Wetter-App mitspielen.

Kopenhagen, wir kommen!

Wir starteten also am Donnerstag, den 30. Juni 2022 früh um 4:00 Uhr und radelten die 10 km von unserem Wohnort bis zur Fähre, die um 6:00 Uhr in Richtung Gedser in Dänemark starten sollte. Wir waren viel zu früh da. Kein stundenlanger Check-in wie beim Fliegen …

Sonnenaufgang
Sonnenaufgang an der Fähre im Rostocker Überseehafen

Die Fähre war fast leer und es war ein eigenartiges Gefühl, an den ins Straucheln geratenen Unternehmen Caterpillar und den MV-Werften vorbeizufahren, auf denen sich nichts bewegte und alles still war. Aber vielleicht lag es auch einfach daran, dass es noch so früh war.

Idyllischer war dann der Blick über das erwachende Warnemünde …

Warnemünde
Warnemünde am frühen Morgen

Mein spartanisches Gepäck

Wer mich kennt und weiß, dass mein Koffer normalerweise bei JEDER Reise der allergrößte ist, wird kaum glauben, wie spartanisch ich diese Reise angetreten habe. Alles, was ich für die 3 Tage benötigen würde, sollte am Rad Platz finden und wir wollten trotzdem nicht allzu schwer bepackt sein. Notfalls hätte ich noch einen kleinen Not-Rucksack aktivieren können (falls ich in Kopenhagen den Shopping-Verlockungen erliegen sollte …) aber ich kann jetzt schon verraten, dass dieser Rucksack das einzige Gepäckstück war, das ich nicht benötigte.

Gravelbike
Mein Gravelbike mit Gepäck für drei Tage

Zur Hannes‘ Verzweiflung hatte ich erst morgens kurz vor der Abfahrt gepackt, aber natürlich hatte ich mir vorher genau überlegt, was ich mitnehmen möchte:

  • Von allen Kosmetikartikeln hatte ich mir Miniaturausführungen besorgt oder abgefüllt. Dennoch war meine Kosmetiktasche das größte und schwerste meiner Gepäckstücke. Eigentlich mag ich diese Reisegrößen nicht so sehr, weil man dann hinterher so viele kleine Verpackungen hat die gefühlt ewig rumstehen und zusätzlich Müll verursachen. Aber hier heiligt der Zweck die Mittel.
  • Unsere Radkleidung wollten wir nach unserer Ankunft im Hotel waschen und am Samstag auf der Rückfahrt wieder anziehen.
  • Für den Tag in Kopenhagen habe ich ein Kleid gewählt, das sich für den Transport klein zusammenfalten lässt, nicht knittert, bei Hitze nicht klebt und auch dann noch funktioniert, wenn es nicht ganz so heiß sein sollte. Außerdem sollte es für den Fall, dass ich meine Regen-Radjacke anziehen muss, auch noch so halbwegs funktionieren.
  • Ich entschied mich dafür, nicht mit Clickpedalen zu fahren, weil ich in Kopenhagen nicht mit Radschuhen herumlaufen wollte. Ich wählte alte Sneaker, mit denen ich Rad fahren kann und bei denen es nicht so drauf ankam.

Ich war ganz zufrieden mit meiner Gepäckauswahl, allerdings hatte ich versehentlich 2 x Deo eingepackt und 2 x Sonnencreme. Vielleicht wäre stattdessen ein Longsleeve sinnvoll gewesen.

Hannes sah dagegen jede Menge Optimierungsbedarf bei meinem Gepäck: Er meinte, ich hätte zum Beispiel auf die Hülle für meine Flipflops verzichten können und auf mein Sleepshirt …

Hinfahrt nach Kopenhagen – quer durch „Hyggeland“

Die Hinfahrt von Gedser nach Höje Taastrup (dort war unser Hotel) führte uns zunächst durch einige idyllische Gegenden, allerdings unbeabsichtigt. Jetzt bin ich ganz froh darüber, dass wir uns anfangs verfahren hatten. Jedes Mal, wenn ich in Dänemark bin, fällt mir auf, wie entspannt es dort ist. Auf den Straßen nur wenige Autos, keine Hektik in den Städten, Hyggeland eben …

Radfahren in Dänemark
Unterwegs in Dänemark

Geplant war eigentlich, dass wir auf der Hin- und Rücktour jeweils mit Rückenwind fahren. So jedenfalls lautete die Wettervorhersage. Bei der Hinfahrt hatten wir Seitenwind. Nicht sooo optimal, aber auch kein Problem. Die letzten ca. 30 Kilometer zogen sich gnadenlos, aber das ist wohl eine Kopfsache, da man das Gefühl hat, man hätte es fast geschafft. Zwischenzeitlich musste Hannes noch einen Schlauch an seinem Rad wechseln, aber irgendwann hatten wir unser Hotel erreicht.

Im Hotel: Wir und die Tour de France …

Schon bei unserer Ankunft fielen uns Fahrzeuge mit der Aufschrift „Tour de France“ auf dem Parkplatz auf.

Hotelparkplatz
Mehrere Tour-de-France-Fahrzeuge auf dem Hotelparkplatz

Am nächsten Morgen beim Frühstück stellten wir fest, dass wir wohl (fast) die einzigen Gäste waren, die nicht unmittelbar zur Tour der France gehören. Wir konnten drei Teams identifizieren: Schwarzes Shirt und olivfarbene Hose, gelbes Kleid oder wenigstens gelbe Hose und das dritte Team war an den weißen Shirts zu erkennen. Wir rätselten, was genau diese vielen, vielen Leute bei der Tour wohl für eine Funktion haben könnten. Um Fahrer handelte es sich keinesfalls, das war zweifellos erkennbar.

Später in Kopenhagen konnten wir das Rätsel teilweise lösen. Wir sahen bekannte Gesichter vom Team „schwarzes Shirt/olivfarbene Hose“ wieder, die gerade die Streckenbegrenzung und diverse Aufbauten, Tribünen etc. montierten.

Montage der Streckenbegrenzung
Aufbau der Streckenbegrenzung vor dem Zeitfahren

Unser Tag in Kopenhagen: Die Stunden vor dem Start des Zeitfahrens

Entlang der Strecke hatten sich Zuschauer mit Campingstühlen bereits die besten Plätze reserviert. Einige von ihnen hatten sich Plätze unter der Unterführung gesucht. Immerhin war ab ca. 15 Uhr Regen angekündigt, das Zeitfahren sollte um 16 Uhr beginnen.

Es machte Spaß, die Vorfreude in Kopenhagen zu erleben. Wir hielten uns im Bereich der Streckenführung auf und beobachteten die Vorbereitung des Zeitfahrens. Leider überlegten wir uns zu spät, noch einmal über Nyhavn zu schlendern. Die Streckenbegrenzung war zu dem Zeitpunkt schon geschlossen und inzwischen so viele Menschen unterwegs, dass es sehr lange dauern würde, auf die andere Seite zu gelangen. So verschoben wir Nyhavn auf unseren nächsten Kopenhagen-Besuch. Kopenhagen hat so viele andere schöne Plätze zu bieten …

In Kopenhagen vor dem Zeitfahren
Kaffeepause am Wasser

Wie befürchtet, begann es nachmittags zu regnen. Ich entschloss mich viel zu spät, meine Regenjacke überzuziehen. Mein Kleid hatte schon Regen abbekommen, ich fror und war innen und außen nass. An der Strecke hatten sich inzwischen so viele Leute versammelt, dass man die Fahrer kaum sehen konnte. Ab und zu sahen wir mal einen Zeitfahrhelm und gelegentlich gelang uns sogar mal ein Schnappschuss. Ich sah auch keinen der Campingstühle mehr …

Zeitfahren
Gelegentlich gelang uns mal ein Foto mit Sportler

Aber uns ging es auch gar nicht darum, jeden einzelnen Fahrer zu verfolgen, wir wollten einfach die gute Stimmung genießen. Wer wollte, konnte das Rennen auch über die Screens verfolgen, die überall aufgestellt waren.

Die Rückfahrt mit der Bahn nach Höje Taastrup wäre beinah missglückt, weil ich Höje Taastrup mit Taastrup verwechselt hatte. Schon morgens bei der Hinfahrt hatten uns die Besonderheiten beim Ein- und Auschecken in die Züge einige Rätsel aufgegeben. Aber umso größer war die Freude, als es dann doch noch funktioniert hat.

Des Rätsels Lösung …

Am nächsten Morgen beim Frühstück im Hotel sahen nur noch wenige Tour-de-France-Mitarbeiter, vor allem vom Team mit den weißen Shirts. Wieder rätselten wir, was genau sie bei der Tour machen. Bei der Abfahrt wussten wir es dann.

Bei einem Abschiedsfoto vor dem Hotel ergab sich ein Kontakt zu einem Tour-de-France-Mitarbeiter, der sich unsere Räder ansah. Es stellte sich heraus, dass er zum medizinischen Team gehörte. Er begutachtete unsere Räder hinsichtlich Sitzposition, Lenkerstellung, Reifen …

Abschied von Kopenhagen
Es geht wieder in Richtung Heimat

Er hatte nur bei mir zu bemängeln, dass ich nicht mit Clicks fahre. Aber wie oben beschrieben, war das mein Kompromiss zwischen sportlich und Stadtbummel.

Heftiger Gegenwind – für uns und für die Tour-de-France-Fahrer

Die Rückfahrt war von der Streckenführung her zwar effizienter, aber auch langweiliger als die Hinfahrt. Wir wählten den direkten Weg nach Gedser und fuhren entlang der Hauptstraße. Anders als erwartet, kam der Wind nicht aus Norden, sondern aus Südwest, also genau aus der Richtung, in die wir unterwegs waren. Einige Kilometer entfernt legten die Tour-de-France-Fahrer ihre erste Etappe zurück und hatten den gleichen Gegenwind wie wir, was von dem Kommentator der Fernsehübertragung (die wir uns am nächsten Tag ansahen) auch entsprechend gewürdigt wurde: „Heftiger Gegenwind aus Südwest, und er wird immer stärker …“ – ja genau. Ging uns auch so.

Hannes musste noch einmal einen Schlauch wechseln, wieder hinten. Lange hatte der Schlauch von der Hinfahrt nicht gehalten. Aber wir kamen wohlbehalten in Gedser an, fuhren mit der 20:15 Uhr-Fähre und waren wenige Stunden später zu Hause.

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