Wie viel Minimalismus passt in mein Leben als Scannerpersönlichkeit?

Minimalismus

Dieser Artikel ist im Rahmen der Blogparade der Aufräum-Expertin Uli Pauer entstanden. Sie stellt die Frage: „Wer bist du ohne deine Dinge?“ Dazu musste ich einfach etwas schreiben, denn das Thema Minimalismus beschäftigt mich sehr. Minimalismus und eine Scannerpersönlichkeit wie ich, passt das überhaupt zusammen?

Bei uns in Rostock sind direkt am Wasser in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Mehrfamilienhäusern mit Miet- und Eigentumswohnungen entstanden. Mein Lebensgefährte Hannes und ich gehen dort oft spazieren und spielen gelegentlich mit der Idee, ob so eine Wohnung nicht auch etwas für uns wäre. Wir könnten unser Haus am Stadtrand verkaufen – und dann …

Irgendwann fragte Hannes, wie ich wohl meine ganzen Sachen in einer viel kleineren Wohnung unterbringen wolle. Nun, es kommt natürlich auf die Größe der Wohnung an, aber ganz Unrecht hatte er nicht. So eine moderne Wohnung mit großen Fensterfronten ist eben nur noch halb so schön, wenn sie mit vielen Schränken, Kommoden und anderen Behältnissen vollgestellt ist.

Wie ich mir Minimalismus vorstelle

In Gedanken habe ich ja dieses Idealbild einer minimalistischen Umgebung vor Augen: Große, helle, nur spärlich möblierte Räume. Die wenigen Dinge, mit denen ich mich umgebe, sind hochwertig, zeitlos und werden mir für den Rest meines Lebens gefallen …

Doch wenn ich länger darüber nachdenke und ehrlich bin, ist diese Vision für mein Leben nur bedingt praxistauglich. Das hat meine 365-Tage-Aufräumchallenge im Jahr 2021, über die ich in meinem Blogartikel „Jeden Tag ein Teil aussortieren – so lief meine Aufräumchallenge im Jahr 2021“ berichtet habe, ganz deutlich gezeigt.

Meine Challenge sah vor, dass ich mich jeden Tag des Jahres von einem Teil trennen würde, das ich nicht mehr benötigte. Das ist mir in der ersten Jahreshälfte noch leichtgefallen, aber dann wurde es zu einer echten Herausforderung, denn es gab irgendwann nichts mehr zum Aussortieren.

Da ich regelmäßig gegen das „Zuviel“ in unserem Haushalt vorgehe, stehen keine „vergessenen“ Kartons mit Überraschungen im Keller und in meinem Kleiderschrank findet man auch keine Schrankleichen. Was aber nicht heißt, dass es nicht doch noch einige „Baustellen“ bei uns gibt.

Minimalismus und Scannerpersönlichkeit

Meine Hobbys, Interessen und Schwerpunkte wechseln phasenweise, das ist typisch für meine Scannerpersönlichkeit, wie ich seit einigen Jahren weiß. Manche Themen sind mir eine Zeitlang sehr wichtig, verschwinden dann für eine Weile in der Versenkung und ploppen irgendwann wieder auf. Die dazugehörigen Utensilien benötige ich phasenweise also auch nicht. Doch immer alles gleich aussortieren?

Nach der „reinen Lehre des Minimalismus“ müsste wohl alles weg, was ich gerade nicht benötige und mir im Zweifelsfall wieder neu beschaffen kann. Aber meistens weiß ich ja, dass ich die Dinge demnächst wieder benutzen werde – deshalb dürfen sie bleiben.

Hier sind einige Kategorien, bei denen ich das rigorose Aussortieren schwierig finde:

Nähutensilien: Jahrelang habe ich jede freie Minute vor der Nähmaschine verbracht, aber es gab auch immer wieder Phasen, in denen ich nicht genäht habe. Inzwischen bin ich nur noch meine eigene Änderungsschneiderin. Ich habe meine Nähutensilien längst reduziert, aber von meinen Nähmaschinen mag ich mich nicht trennen, auch wenn ich sie nicht mehr so oft benutze. Oder von meiner Garnsammlung. Oder von Schneiderschere, Stecknadeln und diversen anderem Zubehör. Ich habe das Nähen ja nicht verlernt und kann mir gut vorstellen, dass ich mal wieder Lust dazu habe.

Romane und Sachbücher: Ich habe viel zu viele Bücher. Sie stehen in Doppelreihen im Regal und fesseln meine Aufmerksamkeit momentan nur beim Abstauben, denn aktuell lese ich kaum offline. Mir fehlt dazu gerade die innere Ruhe. Doch auch das entspannte Lesen kommt wieder – da bin ich sicher. Allerdings werde ich wohl auch dann nicht alle Bücher lesen, die ich aktuell habe. Das heißt, hier kann ich noch reduzieren.

CDs: Hannes ist inzwischen so weit, dass er sich von seiner CD-Sammlung trennen möchte – immerhin streamt er seine Musik schon seit Jahren. Nun muss er es nur noch machen.

Kochbücher und Rezeptsammlungen: Von Kochbüchern kann ich mich nur schwer trennen. Einige nutze ich zwar, aber meistens suche ich nach Rezepten oder Inspirationen im Internet. Noch öfter improvisiere ich einfach. Doch sobald ich eins meiner schönen, selten genutzten Kochbücher aussortieren möchte, entdecke ich darin so viele tolle Rezepte, dass ich das Buch oft wieder ins Regal zurückstelle.

Allerdings hat mir dieser Artikel einen Schubs gegeben und ich habe endlich gleich mehrere Kochbücher zum Mitnehmen in die Büchertelefonzelle gebracht.

Was wäre, wenn plötzlich alles weg wäre?

Wie würde es mir gehen, wenn all mein Besitz beispielsweise einem Brand zum Opfer fallen würde? Ein schrecklicher Gedanke für mich, auch wenn eine Versicherung zumindest den materiellen Schaden ersetzen würde.

Möbel: Am wenigsten würde mich wahrscheinlich der Verlust der Möbel treffen. Bei der Wohnungseinrichtung macht man als Paar wohl immer Kompromisse. Wir haben zwar jedes Möbelstück gemeinsam ausgesucht und ich kann mit allem ganz gut leben, aber allein hätte ich mich wohl bei einigen Stücken anders entschieden. Müssten wir uns komplett neu einrichten, könnten wir uns noch mal „neu erfinden“.

Meine Kleidung – da würde ich mich wahrscheinlich ärgern. Schließlich ist alles sorgsam zusammengeshoppt. Aber gut, dann fange ich noch einmal von vorn an. Erleichtert oder „befreit“ würde ich mich wohl nicht fühlen.

Haushaltsgegenstände – das würde mir sogar Spaß machen. Geschirr, Töpfe, Geräte … all das lässt sich recht einfach ersetzen. Ich würde aber nicht alles 1:1 neu kaufen, sondern ganz neu überlegen, was ich wirklich JETZT haben will. Der Gedanke gefällt mir!

Bei den Kategorien, bei denen ich das Reduzieren schwierig finde (Bücher, Rezeptsammlungen, CDs, Nähsachen etc.), wäre mir die Entscheidung abgenommen. Interessanter Gedanke!

Dinge, die für mich unersetzlich sind

Schlimm würde ich einen Verlust bei persönlichen Dingen empfinden, die sich nicht wiederbeschaffen lassen. Zum Beispiel diese:

  • Familienfotos und -videos.
  • Meine Lieblingsschüssel, die meine Freundin Regina getöpfert und mir vor vielen Jahren zum Geburtstag geschenkt hat. Ich benutze sie ständig!
  • Die Aquarelle meiner Mutter, einer begnadeten Künstlerin, einige der schönsten hängen bei uns im Wohnzimmer.
  • Die Tagebücher, in denen meine Großmutter ihr gesamtes Leben für uns dokumentiert hat. Ich entziffere nach und nach ihre altdeutsche Handschrift und bin erst im Jahr 1929.

Wie viel Minimalismus hätte ich gern?

Alles in allem bin ich ganz zufrieden mit meinem persönlichen Weg zur „Scanner-Minimalistin“. Das war nicht immer so. Ich bin auch geprägt von dem Vermächtnis meiner Eltern und Großeltern. Diese Generationen haben noch erlebt, was es bedeutet, alles zu verlieren. Zu hungern. Nicht zu wissen, ob man morgen noch ein Dach über dem Kopf hat. Und eine Tasse mit einem Sprung war immer noch eine Tasse, aus der man trinken konnte. Das Aussortieren war in meiner Familie oft mit Emotionen belastet.

Aufräumen und mein Umfeld immer weiter zu reduzieren, das wird mich wahrscheinlich immer begleiten. Sicherlich steht demnächst auch mal wieder eine 365-Tage-Aufräum-Challenge auf dem Programm. Dann werde ich mich auch an „Wackelkandidaten“ herantrauen, die die letzte Challenge noch überlebt haben.

Doch Hardcore-Minimalismus ist für mich momentan nicht erstrebenswert. Zwischen meiner oben beschriebenen Vision und meinen tatsächlichen Bedürfnissen liegen Welten.

Um Ulis Frage zu beantworten: Ohne meine Sachen bin ich keine andere als jetzt. Ich identifiziere mich nicht über meine Sachen, doch sie sind nützlich und erleichtern – und ermöglichen – mein Leben. Ich möchte nicht so viel wie möglich haben, auch nicht so wenig wie möglich, sondern idealerweise genau das Richtige. Das, was mein Leben unterstützt, mich glücklich macht und möglichst nachhaltig ist.

Ein Gedanke noch …

Nicht mehr benötigte Dinge einfach wegzuwerfen, mag ja bequem sein, ist für mich aber auch nicht wirklich nachhaltig. Anders als es meiner Generation zugeschrieben wird, war Nachhaltigkeit mir immer wichtig, auch als noch nicht so viel darüber gesprochen wurde wie heute. Gedankenloses Wegwerfen hat mir schon immer Unbehagen bereitet. Ich versuche deshalb immer, den Dingen, die ich aus meinem Leben entlasse, eine weitere Bestimmung zu geben, soweit es möglich und sinnvoll ist.

Wie denkst du über das Thema Minimalismus? Möchtest du minimalistischer sein? Kannst du dich leicht von Dingen trennen? Schreibe es mir gern in das Kommentarfeld.

6 Kommentare

  1. Vielen Dank für den Beitrag! Jetzt habe ich richtig Lust bekommen mal wieder den Kleiderschrank auszumisten und vllt ist die 365-Tage-Aufräum-Challenge ja auch was für mich in 2023. 🙂

    1. Dankeschön liebe Katharina, das freut mich sehr, wenn ich dich mit meinem Beitrag inspiriert habe. 365 Tage, das ist schon eine echte Challenge! Lass mich bitte wissen, wie es dir damit ergangen ist. Wünsche dir ganz viel Erfolg, Spaß und „Freiraum“ damit 🙂

  2. Liebe Astrid!
    Vielen Dank für den interessanten Blogartikel! Interessant für mich, weil es mir wohl ähnlich geht. Ich zähle mich auch zu dem Scannertyp und habe auch so einiges in unserer Wohnung angesammelt. Wobei mittlerweile einiges aussortiert gehört.
    Die Tagebücher deiner Großmutter sind sicher sehr besonders. Das ist ein richtiger Schatz.
    Liebe Grüße, Dani

    1. Liebe Dani,
      danke dir für deinen schönen Kommentar. Ja, das Aussortieren und Weggeben ist für uns Scannerpersönlichkeiten wohl eine besondere Herausforderung. Interessant, dass es dir auch so geht 🙂
      Solange ich das Gefühl habe, dass ich die Sache insgesamt im Griff habe, ist alles okay. Dann gestatte ich mir auch mal, dem ein oder anderen Stück noch eine Gnadenfrist zu gewähren. Damit kann ich insgesamt gut leben. Die nächste Aufräum-Challenge kommt bestimmt 🙂
      Liebe Grüße
      Astrid

  3. Was für spannende Gedanken, liebe Astrid. Minimalismus und Scannerpersönlichkeit… eigentlich ein Widerspruch.

    Das mit der Nähmaschine verstehe ich, die Wolle zum Stricken habe ich vor einigen Monaten komplett verschenkt, weil ich sowieso erst mal nicht mehr stricken werde. Als ich mit Johannes zusammenzog verkaufte ich erst mal hunderte von Büchern bei Amazon. Seine und meine. Seitdem kaufe ich Bücher sehr bewusst. Trotzdem verkaufe ich alle paar Jahre wieder einen Schwung, bis auf Fach- und Sachbücher. Was sich nicht verkaufen lässt, wird verschenkt. Wir haben tatsächlich nur begrenzt Platz und das Gute daran ist, dass man sich genau überlegt, was man kauft und was dafür weg kann. CD’s (und davon hatte Johannes kistenweise) haben wir vor vielen Jahren verkauft. Ich muss die Dinge auch nicht haben. Ich hänge nicht daran. Am allerwenigsten an Möbeln und Kleidungsstücken. Das ist alles ersetzbar. Und wenn alles weg wäre? Zum Beispiel die Tagebücher der letzten 15 Jahre? Hmmmm… keine Ahnung. Dann müsste ich damit umgehen lernen. Die Tagebücher Deiner Großmutter finde ich spannend, in unserer Familie gibt es so was gar nicht.

    Für meinen Büroumzug habe ich meinen ganzen kreativen Kram nochmal ordentlich ausgemistet. Was ich viele Jahre nicht verwendet habe, kommt weg. Meine ganzen Scrapbooking-Sachen habe ich zum Glück schon vor vielen Jahren gut verkaufen können. Tatsächlich bin ich auch im kreativen Bereich relativ minimalistisch unterwegs. Diese ganze „Materialschlacht“ geht mir manchmal regelrecht auf die Nerven. Ich hatte kistenweise Zeug in den Schränken, das darauf wartete verbraucht zu werden. Und wenn ich was suchte, fand ich es nicht.

    Manchmal ist mir danach, einfach alles wegzuwerfen und mich auf das minimalste zu reduzieren, aber das geht natürlich nicht. Ich achte inzwischen sehr darauf, was ich mir kaufe und was nicht. Schließlich muss es irgendwo hin 😉 Ich bin inzwischen um alles froh, was wir weniger haben.

    Liebe Grüße, Marita

    1. Liebe Marita,
      Dankeschön für dein ausführliches und interessantes Feedback. Wie ähnlich wir das doch sehen! Von Wolle habe ich mich auch komplett getrennt. Es gibt glücklicherweise viele Strickkreise, die dankbar sind für jede Wollspende.
      Ich überlege auch vor jedem Kauf, wo und wie ich es unterbringe. Schon das bewahrt mich oft vor so manch einem spontanen Kauf. Bekomme beim Schreiben gerade wieder Lust auf eine Wegwerf-Challenge. 😉
      Liebe Grüße von Astrid

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