Rückblickend glaube ich, dass meine Mutter zwei Leben hatte. Eines tagsüber. Und eines nach 20 Uhr.
Tagsüber war sie Lehrerin. Abends stand sie im Malerkittel in der Küche, die Haare zusammengebunden, mehrere Pinsel gleichzeitig in der Hand. Vor sich Aquarellpapier, kleine Farbnäpfchen, ein Glas Wasser. Und diese konzentrierte Ruhe, die sich im Raum ausbreitete.
Wenn ich noch einmal aus meinem Bett schlich, sah ich sie so. Ganz bei sich.
Und ich wusste schon als Kind: Das hier ist ihr eigentliches Leben.
Meine Mutter, Jahrgang 1934, hat als Kind Flucht und Vertreibung erlebt. Meine Großeltern überlebten diese Zeit nicht. Sie wuchs im Kinderheim auf. Wenn ich heute darüber nachdenke, wird mir klar, wie schmal die Wege damals waren.
Sie wollte Modedesignerin werden.
Aber ohne Kontakte? Ohne Geld? Ohne jemanden, der Türen öffnete? Keine Option.
Also wurde sie Lehrerin für Kunst und Geografie.
Sie war eine sehr gute Pädagogin. Das haben wir als Kinder so empfunden. Sie hat in uns die Freude am Lernen geschickt vermittelt. Aber glücklich war sie in ihrem Beruf nicht.
Wenn sie von der Schule sprach, hörte man es. Diese Verbitterung. Diese Resignation. Und ja, auch diese Wut. Kunst war ein Nebenfach. So wie Musik. Und sensible, introvertierte Menschen hatten es ohnehin nicht leicht.
Als meine Brüder geboren wurden, blieb sie länger zu Hause, als es in der DDR üblich war. Nicht aus romantischer Hausfrauen-Überzeugung. Ich glaube eher, sie war erleichtert, nicht zurück ins Klassenzimmer zu müssen.
Stattdessen arbeitete sie freiberuflich als Grafikerin und Illustratorin.
Plötzlich lagen bei uns Knochen und medizinische Präparate auf dem Tisch. Meine Mutter zeichnete sie mit einer Präzision, die mich bis heute staunen lässt. Mit einer feinen Feder entstanden filigrane Illustrationen für medizinische Fachbücher.
Nach jeder Veröffentlichung bekam sie ein Exemplar geschenkt. Wahrscheinlich finde ich sie heute noch irgendwo in ihrem Nachlass.
Und abends – wenn wir schliefen – malte sie ihre eigenen Bilder.

Was zunächst freiberuflich im Homeoffice begann, entwickelte sich zu einer Festanstellung an der Universität Rostock. Als Grafikerin.
Jahrzehnte später, zu ihrem 80. Geburtstag, schenkten wir ihr einen neuen Laptop.
Sie brachte sich Photoshop selbst bei. Experimentierte mit Fotos ihrer Gemälde. Spielte mit Farben, Ebenen, Möglichkeiten.
Sie hatte keine Angst vor Technik. Sie hatte nur nie die richtigen Rahmenbedingungen.
Und ja – ich lehne mich vielleicht etwas aus dem Fenster – aber ich bin ziemlich sicher: Sie hätte heute ein Onlinebusiness.
Nicht, weil das gerade Trend ist. Sondern weil es ihr erlaubt hätte, ihr Talent ernst zu nehmen.
Heute brauchst du keine „Connection“ mehr. Keinen Chef, der dir gnädig Raum gibt. Kein Netzwerk im Hintergrund.
Du brauchst Internet. Und die Entscheidung, dich nicht klein zu machen.
Meine Mutter hätte vielleicht einen kleinen Onlineshop gehabt. Sie hätte ihre selbst gestalteten Karten verkauft, denn gekaufte Glückwunschkarten gab es bei uns fast nie. Jede war ein kleines Kunstwerk.
Vielleicht hätte sie heute einen Etsy-Shop. Oder einen Newsletter für Kunstliebhaberinnen. Vielleicht hätte sie ihre Illustrationen auf Instagram gezeigt und andere introvertierte Künstlerinnen ermutigt.
Vielleicht hätte sie sich selbst ernster genommen.
Und vielleicht schreibe ich diesen Text auch, um genau das zu tun.
Unglücklich im falschen Beruf, aber hochbegabt. Sensibel. Kreativ. Selbstständig denkend. Und bereit zu lernen – selbst mit 80 noch.
Wenn ich heute höre, wie selbstverständlich wir von Online-Business, Sichtbarkeit und Selbstverwirklichung sprechen, denke ich oft an sie.
Manche Generationen mussten kämpfen, um zu überleben. Wir dürfen gestalten.
Vielleicht schreibe ich diesen Text auch als Erinnerung daran, wie viel uns heute offensteht.
Mit Dankbarkeit für die Möglichkeiten, die meine Mutter nicht hatte.
Und auch, um mich selbst daran zu erinnern.
Dieser Text ist an Tag 4 der TCS-Blogdekade im Februar 2026 entstanden. Ziel: 10 Tage, 10 Blogartikel.

Über mich. Ich bin Astrid – Ingenieurin, Scannerin, chronische Ideensammlerin. Ich hab tausend Interessen und zu wenig Zeit für alle. Deshalb schreibe ich für Menschen wie mich: Die viel vorhaben, sich aber nicht verzetteln wollen. Auf meinem Blog zeige ich, wie kleine Challenges und klare Routinen helfen, Dinge umzusetzen, ohne den Spaß am Ausprobieren zu verlieren. Mehr über mich erfährst du hier.






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